{"id":1751,"date":"2020-03-23T20:49:07","date_gmt":"2020-03-23T19:49:07","guid":{"rendered":"https:\/\/recode.law\/?p=1751"},"modified":"2021-02-13T21:07:53","modified_gmt":"2021-02-13T20:07:53","slug":"was-wir-aus-dem-wirvsvirus-hackathon-gelernt-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/recode.law\/en\/was-wir-aus-dem-wirvsvirus-hackathon-gelernt-haben\/","title":{"rendered":"What we learned from the #WeVsVirus hackathon"},"content":{"rendered":"<h5>\u00dcber 40.000 Bundesb\u00fcrger werden \u00fcber ein Wochenende in einen Slack-Workspace geschmissen und raus kommen L\u00f6sungen, die uns \u00fcber die Corona-Krise helfen sollen. Und das komplett online. Wie kann das funktionieren? recode.law war dabei und berichtet.<\/h5>\n<h4>Vorweg: Was habt ihr entwickelt? Gebt uns einen kurzen Elevator-Pitch!<\/h4>\n<p>Durch die Corona-Krise geraten vor allem kleine und mittlere Unternehmen in finanzielle Not. Unterst\u00fctzende Ma\u00dfnahmen wie Soforthilfe, Kredite oder Steuerstundungen gibt es nicht nur un\u00fcbersichtlich viele, sie unterscheiden sich zudem in ihren Voraussetzungen und den Antragsverfahren: Kommt eine Ma\u00dfnahme f\u00fcr mich \u00fcberhaupt in Frage? An wen muss ich den Antrag richten? Welche Unterlagen brauche ich daf\u00fcr? Diese Fragen stellen f\u00fcr viele Unternehmer eine b\u00fcrokratische H\u00fcrde dar, sodass sie die dringend ben\u00f6tigte Unterst\u00fctzung nicht oder nur umst\u00e4ndlich abrufen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>liquidebleiben.com l\u00f6st dieses Problem: Interessenten beantworten \u00fcber eine benutzerfreundliche Oberfl\u00e4che einfache Fragen und bekommen im Anschluss alle in Frage kommenden Ma\u00dfnahmen samt den n\u00f6tigen Infos dargestellt. So bringen wir staatliche Soforthilfen auch wirklich bis zum Tanzstudio.<\/p>\n<h4>Ihr wurdet mit 40.000 anderen in einen Slack-Workspace geschmissen. Das muss zu Beginn ein gro\u00dfes Chaos gewesen sein. Wie habt ihr euch orientiert und letztlich euer Projekt gefunden?<\/h4>\n<p><b>Fr\u00e9deric:\u00a0<\/b>Zun\u00e4chst gar nicht, denn Slack war v\u00f6llig \u00fcberlastet. Valentin hat seinen Zugang zum Beispiel erst Samstagmittag erhalten; mehr als einen halben Tag nachdem der Hackathon begann. Im Chaos fanden sich jedenfalls mit der Zeit kleine Teams. Auch innerhalb der Teams herrschte allerdings zun\u00e4chst gro\u00dfes Chaos.<\/p>\n<p>Die Teilnehmer haben tats\u00e4chlich F\u00fchrung gesucht. Hat man das geboten, einen strukturierten Plan gehabt, haben die Leute sofort mitgemacht. Das konnte man entweder zeigen, indem man in den gro\u00dfen, allgemeinen Channeln, in denen alle waren, konkrete Anfragen f\u00fcr seine Vorhaben gestellt hat. Oder man zeigt \u2013 so fand Valentin zu uns \u2013 in seinem Team-Channel eine strukturierte Arbeit. Das zog Personen an, die noch auf der Suche nach einem passenden Projekt durch die Team-Channel zappten.<\/p>\n<p><b>Valentin:\u00a0<\/b>Da ich erst Samstagmittag meinen Slack-Zugang erhalten habe, bin ich recht sp\u00e4t dazugesto\u00dfen und musste aus bestehenden Teams w\u00e4hlen. Ich habe mich aber im vorhinein informiert, welche Challenges es beim Hackathon so zu l\u00f6sen gab. Ich wusste also\u00a0 grob, was mich ansprach und bin dann einfach anonym einer laufenden Videokonferenz des Teams beigetreten, das ich zuf\u00e4llig bei Slack gefunden habe. Dort hatte eine Person ganz klar den Hut auf und es wirkte f\u00fcr mich, als ob hier organisiert gute Arbeit geleistet wird. Damit habe ich mein Team gefunden.<\/p>\n<h4>Wie wurden die Aufgaben aufgeteilt und zu einem gro\u00dfen Ganzen zusammengef\u00fcgt?<\/h4>\n<p><b>Valentin:\u00a0<\/b>Die Person, die in der Videokonferenz \u201cden Hut auf hatte\u201d, war der Pate unserer Challenge. Das hei\u00dft, er hat die Challenge beim Hackathon eingereicht. Obwohl es keine Regel gab, die vorschrieb, dass der Einreichende auch der \u201cChef\u201d ist, hatte er damit quasi eine origin\u00e4re Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr das Projektmanagement. Dieses f\u00fchrte er auch faktisch aus.<\/p>\n<p><b>Fr\u00e9deric:\u00a0<\/b>Die Teammitglieder fanden sich selbst in die Spezialteams f\u00fcr Data, Tech, Law und Marketing ein, indem sie den entsprechenden Subchannels beitraten. So sortierten sich die verschiedenen Kompetenzen jeweils ganz alleine zu kleinen Unterteams. Fehlende Kompetenzen deckten wir immer, wenn unsere Kapazit\u00e4ten knapp wurden, durch Aufruf in einem Channel f\u00fcr \u201cStellenausschreibungen\u201d ab. Es ist erstaunlich, wie schnell sich immer wieder genau die richtigen Leute f\u00fcr die Aufgaben fanden.<\/p>\n<h4>Gab es kontroverse Entscheidungen? Wie wurde dann entschieden? Demokratisch? Eine verbindliche Hierarchie, wo die Entscheidungskompetenz klar zugewiesen ist, gab es ja nicht.<\/h4>\n<p><b>Fr\u00e9deric:<\/b>\u00a0Unterschiedlich. Es gab Entscheidungen, bei denen die Teammitglieder demokratisch durch Daumen-Emojis f\u00fcr ein Ergebnis abstimmten. Bei anderen setzten sich nach kurzer Diskussion aber auch dominante Personen durch. So kamen wir dann auch zu unserer Brand-Farbe: \u201cDas dominante Gr\u00fcn der Liquidit\u00e4t!\u201d<\/p>\n<p><b>Valentin:\u00a0<\/b>R\u00fcckblickend denke ich, dass ich mich teilweise so verhielt, als g\u00e4be es eine verbindliche Hierarchie. So richtete ich Vorschl\u00e4ge direkt an den Paten der Challenge, um seine Entscheidung dazu einzuholen, statt sie \u00f6ffentlich zur Diskussion zu stellen. Man nimmt diese Entscheidungskompetenz dann einfach so an. Auch wenn man zun\u00e4chst eine initiale Abwehrreaktion hat, warum denn einer der Chef sein solle, so ist es ja doch das, was mich dem Team \u00fcberhaupt beitreten lie\u00df.<\/p>\n<h4>Wie bildete sich eigentlich heraus, wer zum Team geh\u00f6rt und wer nicht, wo doch alle Channel \u00f6ffentlich waren und jederzeit andere beitreten konnten?<\/h4>\n<p><b>Fr\u00e9deric:<\/b>\u00a0Es wurde eine Liste in den Channel gepostet, in der man sich bis um 12 Uhr am Samstag eintragen konnte, wollte man zu dem Team geh\u00f6ren. Damit war es relativ klar. Interessant daran ist, dass sich auch nach der Deadline prinzipiell noch jeder h\u00e4tte eintragen und Teammitglied werden k\u00f6nnen. Das Symbol der Liste bildete dabei aber eine psychologische Eintrittsbarriere, die das gesamte Team letztlich nach au\u00dfen abschloss.<\/p>\n<p><b>Valentin:\u00a0<\/b>Als ich \u2013 nach 12 Uhr \u2013 dazusto\u00dfen wollte und beim Paten der Challenge angefragt habe, sagte er mir auch, dass sie eigentlich schon \u201cvoll seien\u201d, aber ich noch beim Marketing mitmachen k\u00f6nne. W\u00e4re ich ein paar Stunden sp\u00e4ter gekommen, h\u00e4tte ich vielleicht gar nicht mehr mitmachen d\u00fcrfen. Bemerkenswert ist auch, wie diese Liste nicht nur das Team nach au\u00dfen abgrenzt, sondern gleichzeitig innen auch mehr Leistung einfordern kann: \u201cDu bist Teammitglied, dann arbeite mit.\u201d<\/p>\n<h4>Was habt ihr beim Hackathon gelernt, was ihr nun auf eure weitere Arbeit anwenden werdet?<\/h4>\n<p><b>Fr\u00e9deric:\u00a0<\/b>Erstmal, dass man mit der \u00d6ffentlichkeitsarbeit nicht fr\u00fch genug anfangen kann. Dadurch haben wir beispielsweise noch um 23:00 Uhr am Freitagabend einen Senior Legal Counsel der KfW im Schlafanzug in einen Call bekommen, der uns bestimmte Prozesse erl\u00e4uterte. Weiterhin ist gar nicht zu untersch\u00e4tzen, wie kooperativ und offen die Leute da drau\u00dfen sind, obwohl man ja eigentlich davon ausgeht, sie seien eher kompetitiv. Zuletzt: Remote Arbeiten funktioniert; sogar mit v\u00f6llig Fremden. Die Vorstellungsrunde haben wir dann \u00fcbrigens erst nach der Abgabe ganz zum Schluss gemacht. Man merkte, wie das Team in nur 48 Stunden eng zusammengewachsen ist.<\/p>\n<p><b>Valentin:\u00a0<\/b>Das war mein erster Hackathon,ich habe das Format also noch nicht selbst erlebt. Gefallen hat mir, dass man unter hohem Zeitdruck arbeiten muss und dadurch gezwungen wird, einfach irgendetwas abzuliefern. Da hat man keine Zeit ewig zu sinnieren oder einen Feinschliff zu machen, bevor das gro\u00dfe Ganze steht. Zwei Teams mit \u00e4hnlichen Projekten haben beispielsweise sehr auf Design gesetzt, hatten am Ende aber kein funktionsf\u00e4higes Produkt. Bei uns ist es umgekehrt. Aber es wird sich am Ende eher einer hinsetzen und das Produkt aufh\u00fcbschen, als eine gro\u00dfe Datenbank anzulegen und erst die Funktionalit\u00e4t zu programmieren.<\/p>\n<h4>Was k\u00f6nnen Juristen aus einem solchen Hackathon lernen?<\/h4>\n<p><b>Fr\u00e9deric:\u00a0<\/b>Der Gedanke hinter dem MVP (Minimum Viable Product) ist ja kein neuer. Beim Hackathon wird er aber par excellence eingefordert: Der erste Entwurf muss nicht perfekt sein. Das gilt eben auch f\u00fcr Juristen. Ein erster, nicht perfekter Entwurf ist oft wertvoll, um festzustellen, ob man mit dem Produkt in die richtige Richtung steuert. Die Feinarbeit kann dann auch noch hinterher erfolgen. Zu dem Prozess geh\u00f6rt auch, seine Kollegen m\u00f6glichst fr\u00fch einzuschalten, die nochmal einen anderen Blick auf die Sache haben, und fr\u00fchzeitig korrigieren k\u00f6nnen: Kollaboratives Arbeiten ist oft effizienter!<\/p>\n<p><b>Valentin:\u00a0<\/b>Auch das Mindset hat seinen Charme. Ein Jurist denkt sehr strukturiert, ein Hackathon ist genau das Gegenteil: Es ist das reinste Chaos. Und trotzdem entsteht am Ende ein gutes Ergebnis. Auch sollte man als Jurist \u00f6fter seine Bubble verlassen. Bei einem Hackathon arbeitet man mit klugen K\u00f6pfen aus v\u00f6llig verschiedenen Fachrichtungen und Altersklassen zusammen. Ich war mit 20 das j\u00fcngste Teammitglied, das \u00e4lteste war 52. Wir waren Jurastudenten, andere waren Ex-Investmentbanker, IT-Projektleiter internationaler Pharmakonzerne oder gelehrte Physiker. Das f\u00f6rdert die interdisziplin\u00e4ren Kompetenzen ungemein.<\/p>\n<h4>Wie geht es jetzt weiter?<\/h4>\n<p>In den letzten 24 Stunden haben wir viel positive Resonanz erhalten. Die ersten Banken haben angefangen, unsere Plattform ihren Kunden zu empfehlen und ein paar Unternehmen zeigten sich interessiert, unser Tool zu implementieren. Fest steht, dass das KI-Steuersoftware-Startup\u00a0taxy.io\u00a0unsere Plattform fortf\u00fchren und im Austausch mit unserem Team weiterentwickeln wird. Die Plattform soll aber auf jeden Fall kostenlos und der Code nach Open-Source-Lizenz frei verf\u00fcgbar bleiben bleiben.<\/p>\n<p>Wir als Team haben uns auf jeden Fall committed, dran zu bleiben!<\/p>\n<h6>Das Interview f\u00fchrte und verfasste Paul F. Welter, Examenskandidat in K\u00f6ln und Vorstandsmitglied bei\u00a0recode.law.<\/h6>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber 40.000 Bundesb\u00fcrger werden \u00fcber ein Wochenende in einen Slack-Workspace geschmissen und raus kommen L\u00f6sungen, die uns \u00fcber die Corona-Krise helfen sollen. Und das komplett online. Wie kann das funktionieren? recode.law war dabei und berichtet. Vorweg: Was habt ihr entwickelt? Gebt uns einen kurzen Elevator-Pitch! 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