{"id":2580,"date":"2021-05-13T15:28:22","date_gmt":"2021-05-13T14:28:22","guid":{"rendered":"https:\/\/recode.law\/?p=2580"},"modified":"2021-05-13T15:28:22","modified_gmt":"2021-05-13T14:28:22","slug":"e-government-in-estland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/recode.law\/en\/e-government-in-estland\/","title":{"rendered":"Estland \u2013 Der unglaubliche Aufstieg zum digitalen Vorreiterstaat"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-weight: 400; color: #ff0000;\">Autoren: Maximilian Edinger, <a style=\"color: #ff0000;\" href=\"https:\/\/recode.law\/en\/author\/david-knepper\/\">David Knepper<\/a>, Maximilian Tr\u00e4nkner, <a style=\"color: #ff0000;\" href=\"https:\/\/recode.law\/en\/author\/leonhard-weitz\/\">Leonhard Weitz<\/a> und <a style=\"color: #ff0000;\" href=\"https:\/\/recode.law\/en\/author\/sami-yacob\/\">Sami Yacob<\/a><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Der digitale Staat ist Herausforderung und Chance zugleich. Was wie eine Floskel klingt, trat sp\u00e4testens in der COVID-19-Pandemie deutlich hervor: Jahrelange Vers\u00e4umnisse bei der Digitalisierung des Gemeinwesens erschwerten vielen L\u00e4ndern die ad\u00e4quate Reaktion auf die Krise. Pl\u00f6tzlich waren <\/span><b><i>digitale L\u00f6sungen<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> dringlicher als jemals zuvor und wurden zu einem entscheidenden<\/span> <b><i>Pfeiler der Pandemiebek\u00e4mpfung<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\">.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Wenn wir (\u00fcber die aktuelle Pandemie hinaus) an digital besonders fortschrittliche L\u00e4nder denken, fallen uns zun\u00e4chst vielleicht Staaten wie China oder Taiwan ein. Doch ein Blick ins Baltikum gen\u00fcgt: <\/span><b><i>Estland<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> nimmt eine weltweite Vorreiterrolle bei der Digitalisierung des Staates ein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Dieser Beitrag beleuchtet die <\/span><b><i>Pionierleistung<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> Estlands bei der Digitalisierung des Staates \u2013 ein Bereich, der auch <\/span><b><i>e-Government<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> genannt wird. Nach einem kurzen Blick auf die junge Geschichte dieses Landes, beleuchtet dieser Beitrag digitale L\u00f6sungen in konkreten Lebensbereichen Estlands. Der Beitrag zeigt zugleich auf, was Deutschland vom estnischen Beispiel lernen kann.<\/span><b><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>1. Die digitale Geschichte eines jungen Landes<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Als Estland im Jahr 1991 seine Unabh\u00e4ngigkeit von der Sowjetunion erlangte, vollzog das Land einen <\/span><b><i>radikalen Systemwechsel<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\">: Mit der Privatisierung vieler staatlicher Betriebe setzte das Land fortan auf eine liberale Marktwirtschaft. Die Regierung war in der einmaligen Situation, das eigene Land <\/span><b><i>von Null auf<\/i><\/b> <b><i>(from scratch)<\/i><\/b> <span style=\"font-weight: 400;\">neu aufbauen und ausrichten zu k\u00f6nnen. Dabei setzte Estland von Anfang an auf digitale L\u00f6sungen, auch um die kommunale Verwaltung in den l\u00e4ndlichen Regionen ad\u00e4quat bewerkstelligen zu k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #fd402b;\"><b><i>Der Tigersprung in die Digitalisierung<\/i><\/b><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Mit einem umfassenden Regierungsprogramm namens <\/span><b><i>Tiigrih\u00fcpe<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> (deutsch: Tigersprung) wurde die Gesellschaft in den 1990er Jahren auf das digitale Zeitalter vorbereitet. Das Land setzte dabei insbesondere auf eine digitale Aus- und Weiterbildung. So wurden z.B. s\u00e4mtliche Schulen landesweit mit Computern ausgestattet und an das Internet angeschlossen. Auf Basis der digitalen Transformation entwickelten sich florierende Wirtschaftszweige. Der wirtschaftliche Aufschwung f\u00f6rderte zugleich die <\/span><b><i>Akzeptanz der Digitalstrategie<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> des Landes innerhalb der eigenen Bev\u00f6lkerung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">In diesem Kontext ist anzumerken, dass die <\/span><b><i>\u00fcberschaubare Populationszahl und Fl\u00e4chengr\u00f6\u00dfe<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> die Digitalisierung in Estland nat\u00fcrlich erleichtert haben. Die Wege sind k\u00fcrzer, das Volumen ist \u00fcberschaubarer und die Hierarchien flacher. Mit nicht einmal 1,4 Millionen Einwohner:innen z\u00e4hlt Estland zu den bev\u00f6lkerungs\u00e4rmsten L\u00e4ndern Europas. Die gesamte Bev\u00f6lkerungszahl des Landes ist kleiner als die der Stadt M\u00fcnchen. Die Fl\u00e4che Estlands ist mit dem Bundesland Niedersachsen vergleichbar.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">In Deutschland besteht in weiten Teilen der Gesellschaft immer noch Skepsis gegen\u00fcber digitalen L\u00f6sungen, h\u00e4ufig mit Verweis auf Datenschutzbedenken. In der estnischen Bev\u00f6lkerung gibt es hingegen eine starke <\/span><b><i>nationale Identifikation<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> mit der Digitalisierung. Die Est:innen sind stolz auf die positive Entwicklung und Innovationskraft der eigenen Nation und stehen digitalen L\u00f6sungen sehr aufgeschlossen gegen\u00fcber. Digitalisierung ist <\/span><b><i>Wirtschaftsfaktor und Marketinginstrument<\/i><\/b> <span style=\"font-weight: 400;\">zugleich. Sie hat Estland einen weltweiten Ruf als Vorreiter im Bereich e-Government eingebracht.<\/span><br \/>\n<b><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>2. Beispiele aus einzelnen Lebensbereichen<b><\/b><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Um die praktische Umsetzung von e-Government in Estland zu beleuchten, beschreibt dieser Beitrag beispielhaft vier Lebensbereiche, in denen digitale staatliche Dienste zum Einsatz kommen: (a) B\u00fcrgerdienste &amp; Justiz, (b) Wahlen, (c) Steuern &amp; Gewerbe sowie (d) Gesundheit.<\/span><br \/>\n<b><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>a) B\u00fcrgerdienste &amp; Justiz<\/strong><b><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Auch wenn das Bewusstsein f\u00fcr digitale Verwaltungsdienstleistungen steigt, geh\u00f6ren analoge Beh\u00f6rdeng\u00e4nge hierzulande immer noch zum <\/span><b><i>Alltag<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\">. Der Blick nach Estland zeigt, was alles m\u00f6glich w\u00e4re: Nach Angaben der estnischen Regierung werden dort mittlerweile <\/span><b><i>99 % aller Verwaltungsdienstleistungen<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> \u00fcber das Internet angeboten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #fd402b;\"><b><i>Die B\u00fcrgerkarte als digitale Identit\u00e4t<\/i><\/b><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Schl\u00fcssel zu diesen Angeboten ist die estnische <\/span><b><i>B\u00fcrgerkarte<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\">. Sie ist der physische Tr\u00e4ger der <\/span><b><i>digitalen Identit\u00e4t<\/i><\/b> <span style=\"font-weight: 400;\">einer Person. Alle Est:innen haben eine eigene B\u00fcrgerkarte mit ihrer individuellen Personenidentifikationsnummer. Die B\u00fcrgerkarte kann als Ausweis, F\u00fchrerschein, Versichertenkarte, Bibliotheksausweis und vieles mehr genutzt werden. Nur in Ausnahmef\u00e4llen ist noch ein pers\u00f6nliches Erscheinen bei staatlichen Einrichtungen erforderlich. Hierzu z\u00e4hlen insbesondere h\u00f6chstpers\u00f6nliche Rechtsgesch\u00e4fte wie Eheschlie\u00dfungen und Scheidungen oder der Kauf einer Immobilie.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die Vernetzung der Verwaltung beruht auf einem dezentralen Datenaustauschsystem namens <\/span><b><i>X-Road<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> und folgt dem <\/span><b><i>One-Stop-Shop-Prinzip<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\">. Daten, die einmal vom Staat erfasst wurden, sind fortan bei der jeweils zust\u00e4ndigen staatlichen Stelle dezentral gespeichert und werden bei Bedarf an andere Stellen \u00fcbermittelt. Die <\/span><b><i>Datenhoheit<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> bleibt dabei stets bei den B\u00fcrger:innen. Sie entscheiden \u00fcber den Zugriff auf ihre Daten und k\u00f6nnen jeden staatlichen Zugriff nachverfolgen (<\/span><b><i>Reversed-Big-Brother-Principle<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\">).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #fd402b;\"><b><i>Estland zeigt, dass digitale Justiz geht<\/i><\/b><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">In Deutschland wird lebendig \u00fcber die vermeintlichen Errungenschaften des besonderen elektronischen Anwaltspostfachs (beA) oder \u00fcber die M\u00f6glichkeit digitaler Gerichtsverhandlungen im Zivilprozess (nach \u00a7 128a ZPO) gestritten. In Estland hingegen wird <\/span><b><i>digitale Justiz<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> bereits tagt\u00e4glich effektiv praktiziert. Das <\/span><b><i>zentrale Informationssystem<\/i><\/b> <b><i>E-File<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> erm\u00f6glicht einen digitalen und unmittelbaren Informationsaustausch zwischen allen an einem Gerichtsverfahren beteiligten Stellen (z.B. Richter:innen, Anw\u00e4lt:innen, B\u00fcrger:innen, Staatsanwaltschaft, Justizvollzugsanstalten oder Polizei).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Mithilfe des <\/span><b><i>Court Information System<\/i><\/b> <b><i>(KIS<\/i><\/b><b>)<\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> werden Gerichtsverfahren, Verhandlungstermine und Urteile innovativ verwaltet. Das System verteilt beispielsweise Gerichtsverfahren automatisch an die jeweils zust\u00e4ndigen Richter:innen. Das KIS wickelt au\u00dferdem die Erstellung von Ladungen, Urteilsver\u00f6ffentlichungen und Sammlung von Metadaten digital ab. Auch in der Justiz beg\u00fcnstigen die <\/span><b><i>\u00fcberschaubaren Dimensionen<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> die Digitalisierung: Estland verf\u00fcgt \u00fcber vier Landgerichte, zwei Verwaltungsgerichte, zwei Bezirksgerichte als Rechtsmittelinstanz und einen Staatsgerichtshof.<\/span><b><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>b) Wahlen<\/b><b><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Bereits seit dem Jahr 2005 ist in Estland als zus\u00e4tzliches Angebot zur klassischen Stimmabgabe die digitale Teilnahme an Wahlen m\u00f6glich. Das sog. <\/span><b><i>e-Voting<\/i><\/b> <span style=\"font-weight: 400;\">umfasst nicht nur die Verwendung von Wahlcomputern in Wahllokalen, sondern auch eine komplett digitale Stimmabgabe \u00fcber das Smartphone oder den PC. Aufgrund einer <\/span><b><i>Early-Voting-Option<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> ist die Online-Wahl bereits mehrere Tage vor dem eigentlichen Wahltag m\u00f6glich (vergleichbar mit der in Deutschland etablierten Briefwahl).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #fd402b;\"><b><i>Ein mehrstufiges Verfahren gew\u00e4hrleistet sicheres e-Voting<\/i><\/b><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Zur Wahrung der <\/span><b><i>Datensicherheit<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> und des <\/span><b><i>Wahlgeheimnisses<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> hat Estland ein <\/span><b><i>mehrstufiges Verfahren<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> entwickelt: Beim \u00d6ffnen der Wahl-Software auf dem jeweiligen Endger\u00e4t m\u00fcssen sich die Nutzer:innen mithilfe ihrer B\u00fcrgerkarte identifizieren. Nach Eingabe einer ersten PIN ist der Zugriff auf die Kandidatenliste m\u00f6glich. Um die Stimmabgabe zu best\u00e4tigen, ist die erneute Eingabe einer PIN erforderlich; sie dient als digitale Unterschrift. Anschlie\u00dfend wird die Stimmabgabe an die elektronische Wahlurne verschl\u00fcsselt \u00fcbermittelt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Um die Datensicherheit zu erh\u00f6hen, k\u00f6nnen die W\u00e4hler:innen im weiteren Verlauf \u00fcber eine App per QR-Code jederzeit \u00fcberpr\u00fcfen, ob ihr <\/span><b><i>Online-Stimmzettel <\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\">tats\u00e4chlich in der <\/span><b><i>digitalen Wahlurne<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> liegt. F\u00fcr die Entschl\u00fcsselung des Online-Stimmzettels am Wahltag werden physische Schl\u00fcssel ben\u00f6tigt. \u00dcber diese verf\u00fcgen nur Mitglieder der Wahlkommission. Um den Sicherheitsfaktor noch weiter zu erh\u00f6hen, liegen einige dieser Schl\u00fcssel teilweise bei externen Wahlbeobachtern.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #fd402b;\"><b><i>\u00c4nderung der eigenen Stimmabgabe m\u00f6glich<\/i><\/b><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die W\u00e4hler:innen k\u00f6nnen sogar ein weiteres Mal digital abstimmen, also ihre Stimmabgabe noch einmal <\/span><b><i>\u00fcberdenken <\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\">oder<\/span><b><i> korrigieren<\/i><\/b><i><span style=\"font-weight: 400;\">.<\/span><\/i><span style=\"font-weight: 400;\"> Am Ende z\u00e4hlt nur die zuletzt abgegebene Stimme. Zudem haben die W\u00e4hler:innen \u2013 unabh\u00e4ngig von ihrer Teilnahme am <\/span><b><i>e-Voting<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> \u2013 weiterhin die Option, am Wahltag analog im Wahllokal ihre Stimme abzugeben. Dann z\u00e4hlt ausschlie\u00dflich die Offline-Stimme.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die elektronische Stimmabgabe wird <\/span><b><i>bei jeder Wahl st\u00e4rker<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> von den B\u00fcrger:innen genutzt. Bei der landesweiten Wahl 2019 hat in etwa die <\/span><b><i>H\u00e4lfte aller W\u00e4hler:innen<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> ihre Stimme digital abgegeben.<\/span><b><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>c) Gewerbe &amp; Steuern<\/b><b><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Wer in Deutschland schon einmal ein Unternehmen gegr\u00fcndet hat, wei\u00df: Der gesamte Prozess \u2013 Gesellschaftsvertrag, Notartermin, Handelsregistereintragung etc. \u2013\u00a0kann mehrere Wochen dauern.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #fd402b;\"><b><i>Unternehmensgr\u00fcndung in nur drei Stunden<\/i><\/b><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">In Estland dauert die Gr\u00fcndung eines neuen Unternehmens in der Regel nur <\/span><b><i>drei Stunden<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\">. Mit der estnischen B\u00fcrgerkarte oder einer auf digitale Unternehmen ausgerichteten e-Residency-Karte entf\u00e4llt der Weg zum Notar \u2013 s\u00e4mtliche Schritte k\u00f6nnen online und digital erledigt werden. \u00dcber <\/span><b><i>98 % der Unternehmensgr\u00fcndungen<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> in Estland erfolgen mittlerweile online. Dabei folgt Estland auch hier grunds\u00e4tzlich dem <\/span><b><i>One-Stop-Shop-Prinzip<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\">. Die Weiterleitung der vom Staat einmal erfassten Daten erfolgt also \u2013 mit wenigen Ausnahmen \u2013 automatisch.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Das estnische Gesellschaftsrecht unterst\u00fctzt die unkomplizierte Ausgestaltung dieses Prozesses. Die Gr\u00fcndung einer <\/span><b><i>standardm\u00e4\u00dfigen<\/i><\/b> <b><i>Kapitalgesellschaft (Osa\u00fching)<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> erfordert eine Mindesteinlage von lediglich 2.500 Euro. Auch s\u00e4mtliche die Gesellschaft betreffenden Dokumente k\u00f6nnen im elektronischen Handelsregister eingereicht werden \u2013 ganz ohne Notar.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #fd402b;\"><b><i>Steuererkl\u00e4rung leicht gemacht<\/i><\/b><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die \u2013 f\u00fcr viele als unangenehme B\u00fcrgerpflicht empfundene \u2013 Steuerzahlung erfolgt in Estland <\/span><b><i>bequem<\/i><\/b> <b><i>und<\/i><\/b> <b><i>online<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> beim <\/span><b><i>Tax Board<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\">. Die meisten privaten Steuererkl\u00e4rungen sind in bereits <\/span><b><i>drei bis f\u00fcnf Minuten<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> ausgef\u00fcllt. Denn viele Datenpunkte sind aufgrund der Verkn\u00fcpfung mit der digitalen B\u00fcrgerkarte und des <\/span><b><i>One-Stop-Shop-Prinzips<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> bereits vorausgef\u00fcllt. Das <\/span><b><i>\u00fcbersichtliche Steuersystem<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> Estlands unterst\u00fctzt diesen einfachen Prozess: Nahezu s\u00e4mtliche Steuertarife sind einheitlich (flat tax), viele Betr\u00e4ge werden pauschaliert und es finden sich nur wenige Ausnahmeregelungen in den Steuervorschriften.<\/span><br \/>\n<b><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>d) Gesundheit<\/b><b><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Beim <\/span><b><i>Digital-Health-Index<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> zum Stand der Digitalisierung nationaler Gesundheitssysteme auf Basis einer Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2018 belegt <\/span><b><i>Estland<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> den <\/span><b><i>ersten Platz<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\">. <\/span><b><i>Deutschland<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> landet bei diesem internationalen Vergleich lediglich auf dem <\/span><b><i>vorletzten Platz<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\">.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #fd402b;\"><b><i>e-Health-Strategie mit elektronischer Patientenakte und elektronischem Rezept<\/i><\/b><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Zentraler Baustein der estnischen <\/span><b><i>e-Health-Strategie<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> ist die <\/span><b><i>elektronische Patientenakte (ePA)<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\">. In der ePA wird die gesamte Krankheitsgeschichte der Patient:innen vollumf\u00e4nglich und behandlungs\u00fcbergreifend aufgef\u00fchrt. Autorisiertes medizinisches Personal kann auf die ePA zugreifen und mithilfe der Krankheitsgeschichte schnelle Diagnosen stellen und zielgerichtet therapieren. Die <\/span><b><i>Datensicherheit<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> kommt auch hier nicht zu kurz: Nach dem estnischen Prinzip des <\/span><b><i>Datenhoheit<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\">, haben alle B\u00fcrger:innen die M\u00f6glichkeit, bestimmte Aspekte ihrer Krankheitsgeschichten oder die gesamte ePA vom Zugriff durch Dritte zu sperren. Estland folgt hierbei der <\/span><b><i>opt-out-L\u00f6sung<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\">: Die Nutzung der ePA erfolgt automatisch, solange dieser nicht aktiv widersprochen wird.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Neben der ePA vereinfacht das <\/span><b><i>elektronische Rezept<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> den Zugang zu e-Health-Angeboten. Durch die <\/span><b><i>digitale Verkn\u00fcpfung<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> von Apotheken und Arztpraxen k\u00f6nnen Rezepte und Abrechnungen unkompliziert ausgestellt und eingel\u00f6st werden. Aufgrund eines Zusammenspiels mit der ePA kann das elektronische Rezept au\u00dferdem Patient:innen und Apotheker:innen vor m\u00f6glichen Wechselwirkungen zwischen den verordneten Medikamenten und bereits eingesetzten Medikamenten warnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">In s\u00e4mtlichen Phasen der e-Health-Angebote wird \u00fcber die <\/span><b><i>digitale B\u00fcrgerkarte<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> die Identit\u00e4t der Patient:innen sichergestellt.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>3. Fazit<b><\/b><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die verschiedenen e-Government-Umsetzungsbeispiele zeigen, dass Estland bei der Digitalisierung <\/span><b><i>neue internationale Standards<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> gesetzt hat. Estland ist durch den Digitalisierungsschub als Wirtschaftsstandort attraktiv geworden. Dass es in der Vergangenheit mitunter auch vereinzelte Sicherheitsl\u00fccken gab, \u00e4ndert nichts an der <\/span><b><i>positiven Grundeinstellung<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> der Est:innen hinsichtlich der digitalen Ausrichtung ihres Landes. Die Est:innen haben etwaige Sicherheitsl\u00fccken stets z\u00fcgig behoben und betonen \u2013 pragmatisch und ergebnisorientiert \u2013 den gro\u00dfen Nutzen der digitalen L\u00f6sungen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #fd402b;\"><b><i>Mit politischem Willen und politischem Mut zum Spitzenreiter im e-Government<\/i><\/b><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Eines ist sicher: <\/span><b><i>Deutschland muss endlich digitaler werden<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\">. Dabei kann der deutsche Staat von den erfolgreichen estnischen digitalen L\u00f6sungen lernen (<\/span><b><i>Best-Practice-Beispiele<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\">). Zwar gilt es im Hinterkopf zu behalten, dass die Strukturen in der deutschen Justiz und Verwaltung \u2013 auch historisch bedingt \u2013 sehr viel beh\u00e4biger, gr\u00f6\u00dfer und un\u00fcbersichtlicher sind als in den estnischen Pendants. Dennoch k\u00f6nnen L\u00f6sungen, die sich in Estland bew\u00e4hrt haben, auch in Deutschland erfolgversprechend sein. Daf\u00fcr braucht es vor allem einen entsprechenden <\/span><em><b>politischen Willen und politischen Mut<\/b><\/em><span style=\"font-weight: 400;\">. Mut zur Innovation. Mut zu Fehlern. Mut zur Digitalisierung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Estland hat in der Vergangenheit politischen Willen und politischen Mut gezeigt. Dabei hat das Land in erheblichem Ma\u00dfe von einer <\/span><b><i>Z\u00e4sur<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> profitiert: Der Staat musste und konnte sich im Anschluss an seine Unabh\u00e4ngigkeit neu aufbauen und ausrichten. Es spricht vieles daf\u00fcr, dass die aktuelle <\/span><b><i>COVID-19-Pandemie<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\"> eine epochale Z\u00e4sur in der modernen Geschichte darstellt. Deutschland sollte diese krisenbedingte Z\u00e4sur als Chance sehen. <\/span><b><i>Das<\/i><\/b> <b><i>Ziel<\/i><\/b><span style=\"font-weight: 400;\">: Deutschland als <em><strong>Spitzenreiter<\/strong><\/em> in internationalen Rankings im Bereich des e-Governments.<\/span><b><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>4. Links zur Vertiefung<b><\/b><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"font-weight: 400;\">Die offizielle <a href=\"https:\/\/e-estonia.com\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Webseite<\/a> der estnischen Regierung zur Information \u00fcber das digitale Estland.<\/span><\/li>\n<li style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"font-weight: 400;\">Ein vom Vodafone Institut f\u00fcr Gesellschaft und Kommunikation herausgegebener <a href=\"https:\/\/www.vodafone-institut.de\/de\/publikationen\/auf-dem-weg-zum-digitalen-staat\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Report<\/a> zu Erfolgsbedingungen von e-Government-Strategien am Beispiel Estlands.<\/span><\/li>\n<li style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"font-weight: 400;\">A <a href=\"https:\/\/www.ted.com\/talks\/anna_piperal_what_a_digital_government_looks_like\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">TED-Talk<\/a> der e-Government-Expertin Anna Piperal \u00fcber Estland mit dem Titel \u201cWhat a digital government looks like\u201d.<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em><strong>Dieser Beitrag ist im Rahmen der Student Driven University (SDU) von recode.law im Wintersemester 2020\/2021 entstanden. Bei der SDU besch\u00e4ftigen sich die Mitglieder:innen von recode.law in kleinen Teams mit Digitalisierungsthemen ihrer Wahl. Der vorliegende Beitrag w<\/strong><strong>urde von einem Team bestehend aus <\/strong><strong>Maximilian Edinger, David Knepper, Maximilian Tr\u00e4nkner, Leonhard Weitz und Sami Yacob<\/strong><strong> v<\/strong><strong>erfasst. Das Team hat das SDU-Semester dazu genutzt, um mehr \u00fcber e-Government Best Practices weltweit zu lernen.<\/strong><\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autoren: Maximilian Edinger, David Knepper, Maximilian Tr\u00e4nkner, Leonhard Weitz und Sami Yacob &nbsp; Der digitale Staat ist Herausforderung und Chance zugleich. Was wie eine Floskel klingt, trat sp\u00e4testens in der COVID-19-Pandemie deutlich hervor: Jahrelange Vers\u00e4umnisse bei der Digitalisierung des Gemeinwesens erschwerten vielen L\u00e4ndern die ad\u00e4quate Reaktion auf die Krise. 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