{"id":5652,"date":"2023-11-23T14:25:12","date_gmt":"2023-11-23T13:25:12","guid":{"rendered":"https:\/\/recode.law\/?p=5652"},"modified":"2023-11-20T18:24:07","modified_gmt":"2023-11-20T17:24:07","slug":"innovation-trifft-auf-recht-wie-legal-design-die-rechtsbranche-veraendert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/recode.law\/en\/innovation-trifft-auf-recht-wie-legal-design-die-rechtsbranche-veraendert\/","title":{"rendered":"Innovation trifft auf Recht: Wie Legal Design die Rechtsbranche ver\u00e4ndert"},"content":{"rendered":"<p>In einer Zeit, in der die Digitalisierung und technologische Entwicklungen unser Leben und die Art und Weise, wie wir arbeiten, grundlegend ver\u00e4ndern, ist es keine \u00dcberraschung, dass auch das Rechtswesen einem Wandel unterliegt. Teil dieses Wandels ist das immer st\u00e4rker in den Fokus r\u00fcckende Thema <em>Legal Design.<\/em><\/p>\n<p>Doch was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff?<br \/>\nUnd welche Chancen und Herausforderungen bringt Legal Design f\u00fcr (angehende) Jurist:innen, Rechtssuchende und die Justiz insgesamt mit sich?<\/p>\n<p>In diesem Interview werden wir mit zwei ausgewiesenen Expertinnen f\u00fcr Legal Design sprechen, um tiefere Einblicke in diese aufstrebende Disziplin zu erhalten:<\/p>\n<p><strong>Anna Balmes <\/strong>&#8211; Volljuristin und Innovation Consultant bei der bundesweit t\u00e4tigen Beratungsagentur f\u00fcr Kanzleien und Inhouse Departments <em>This is Legal Design<\/em> sowie Legal Designerin bei der ARAG SE.<\/p>\n<p><strong>Dr. Ann-Cathrin Brock<\/strong> &#8211; Rechtsanw\u00e4ltin bei der mittelst\u00e4ndischen Wirtschaftskanzlei <em>GvW Graf von Westphalen<\/em> am Hamburger Standort und Legal Designerin.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>recode.law: Frau Balmes, Sie haben t\u00e4glich mit Legal Design zu tun, doch was ist unter dem Begriff Legal Design \u00fcberhaupt zu verstehen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Balmes:<\/em><\/strong> Legal Design im engeren Sinne ist die methodische Anwendung von Design Thinking \u2013 also der Arbeitsweise von Designer:innen \u2013 auf rechtliche Probleme und Fragestellungen. Bei This is Legal Design verstehen wir darunter aber auch andere agile Arbeitsmethoden. Wir bedienen uns in der Beratung an verschiedenen Ans\u00e4tzen, um Innovation im Rechtsbereich zu begleiten. Eines haben aber all diese Methoden gemeinsam \u2013 und zwar, dass Nutzer:innen und menschliche Bed\u00fcrfnisse aller Stakeholder:innen stets im Mittelpunkt unserer \u00dcberlegungen stehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>recode.law: Welche Vorteile bietet Legal Design dabei im Vergleich zur traditionellen juristischen Arbeit und wie k\u00f6nnen Unternehmen und Anwaltskanzleien davon profitieren?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Dr. Brock:<\/em><\/strong>\u00a0\u00a0\u00a0 Legal Design-Methoden und -Prozesse helfen uns, unser Angebot an Rechtsdienstleistungen und Rechtsprodukten aus der Mandant:innenperspektive flexibler zu optimieren. Sie werden rechtssicher gestaltet, aber erm\u00f6glichen auch einfache und reibungslose Abl\u00e4ufe f\u00fcr unsere Mandantschaft. Dar\u00fcber hinaus bietet uns das Skill-Set von Designer:innen eine ganze Reihe n\u00fctzlicher Instrumente, um den neuen Anforderungen an juristische Informationen gerecht zu werden.<\/p>\n<p>Flexibel an Ver\u00e4nderungen anpassen, mit neuen Angeboten Schritt halten und innovatives Potenzial nutzen, um neue, aber jedenfalls bessere Dienstleistungen und im besten Fall vielleicht sogar neue Gesch\u00e4ftsmodelle zu entwickeln \u2013 dies alles wird durch Legal Design gef\u00f6rdert.<\/p>\n<p><strong><em>Balmes: <\/em><\/strong><strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong>Flexibilit\u00e4t ist ein gutes Stichwort &#8211; im Zuge der Digitalisierung ver\u00e4ndern sich alle Branchen rasant, und dies gilt selbstverst\u00e4ndlich ebenso f\u00fcr die Rechtsbranche; auch, wenn ich manchmal das Gef\u00fchl habe, dass das au\u00dferhalb der Legal Tech Bubble immer noch nicht ganz bei Allen angekommen ist. Ich sp\u00fcre da aber trotzdem gerade einen gewissen Umschwung und finde das sehr spannend!<\/p>\n<p>Legal Design als Methode ist hervorragend dazu geeignet, Innovation und Transformation im Rechtsbereich zu schaffen und zu begleiten. Bei allen Unterschieden zur klassisch juristischen Arbeitsweise sehe ich aber auch viele Gemeinsamkeiten \u2013 Design Thinking als Prozess ist im Kern nichts anderes als eine strukturierte Herangehensweise an Probleme. Nur, wenn man sich an den Prozess h\u00e4lt und keine Schritte \u00fcberspringt oder vernachl\u00e4ssigt, gelangt man nach meiner Erfahrung zu einer hervorragenden L\u00f6sung \u2013 das ist also gar nicht mal so anders als etwa beim Verfassen eines Urteils oder Memorandums. Umgekehrt sagt man Jurist:innen ja nach, dass sie nicht kreativ seien \u2013 das stimmt allerdings aus meiner Sicht ebenso wenig wie die Annahme, dass Legal Design sich lediglich aus bunten Zetteln und kreativem Chaos speist. Gute Anw\u00e4lt:innen etwa sind doch gerade diejenigen, die neue \u2013 also: kreative und innovative \u2013 Ans\u00e4tze und Argumente f\u00fcr juristische Problemstellungen finden, und dies im Sinne ihrer Mandant:innen, also nutzerzentriert.<\/p>\n<p>Dennoch ist die Methode und der nutzergerichtete Blick f\u00fcr Jurist:innen erfahrungsgem\u00e4\u00df erst einmal ungewohnt. Der entscheidende Vorteil f\u00fcr Unternehmen und Anwaltskanzleien liegt darin, dass mittels Legal Design innerhalb k\u00fcrzester Zeit bedarfsgerechte Ergebnisse erzielt werden k\u00f6nnen, die Nutzerbed\u00fcrfnisse erf\u00fcllen und somit nachgefragt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>recode.law: Frau Dr. Brock, Sie arbeiten als Rechtsanw\u00e4ltin und Legal Designerin in einer renommierten Kanzlei. Welche Anwendungsm\u00f6glichkeiten sehen Sie f\u00fcr den Kanzlei-Alltag und was denken Sie, wie verbreitet die Legal Design Kenntnisse in den Kanzleien sind?<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Dr. Brock:<\/em><\/strong> Ziel sind rechtlich einwandfreie L\u00f6sungen, orientiert am Wissens- und Handlungsbedarf der Nutzer:innen. Legal Design soll das Recht und die Ergebnisse rechtlicher Fragestellungen und Aufgaben zug\u00e4nglicher machen. Hierf\u00fcr arbeitet das Legal Design Team interdisziplin\u00e4r und bindet Mitarbeitende aus allen Abteilungen ein, die die juristische Dienstleistung verbessern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Kanzleien gibt es eine Vielzahl denkbarer Anwendungsm\u00f6glichkeiten \u2013 von der Entwicklung und Implementierung nutzer:innenzentrierter, innovativer Prozesse, Tools und Services \u00fcber die Gestaltung von juristischen Texten, Inhalten und Vertr\u00e4gen, bis hin zur Entwicklung neuer, digitaler Rechtsprodukte und Services. Mit Legal Design kann praktisch jeder Sachverhalt, mit dem eine Kanzlei in Ber\u00fchrung kommt, \u00fcberdacht und weiterentwickelt werden. Ein g\u00e4ngiges Beispiel ist die Vereinfachung von Vertragswerken, die in ihrer Komplexit\u00e4t so ziemlich jeder und jedem \u00fcber den Kopf wachsen zu drohen. Aber mit Legal Design k\u00f6nnen wir auch Prozesse, in denen die Kanzlei Hand in Hand und m\u00f6glichst reibungslos mit ihrer Mandantschaft zusammenarbeitet, verbessern und neu gestalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aktuell agieren Legal Designer:innnen \u00fcberwiegend noch als externe Berater:innen. Fest verankert sind Legal Design Funktionen in juristischen Organisationen bisher selten. Das Thema steckt (leider) noch in den Kinderschuhen. Aber ich bin fest \u00fcberzeugt, dass sich das in Zukunft \u00e4ndern wird, um bislang (zu) wenig genutzte Potenziale, die unser Fachgebiet bietet, sichtbar zu machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>recode.law: Frau Balmes, k\u00f6nnen Sie diesen Eindruck und die Prognose best\u00e4tigen? F\u00fcr wie verbreitet halten Sie m\u00f6gliche Kenntnisse zum Thema Legal Design bei Anw\u00e4lten?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Balmes:<\/em><\/strong> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 F\u00fcr nicht verbreitet genug &#8211; leider. Klar, mittlerweile haben Einige schon einmal von dem Begriff geh\u00f6rt oder uns sogar bereits im Rahmen der Beratung, Projektarbeit oder von Workshops kennengelernt \u2013 aber hinsichtlich tiefgehender Kenntnisse \u00fcber Legal Design besteht noch Luft nach oben. Bei Legal Design denken viele Anw\u00e4lt:innen immer noch an bunte Bildchen und trendige Buzzwords, hinter denen sich wenig Inhalt verbirgt. Vom Gegenteil \u00fcberzeugt man sie dann erst in der direkten Zusammenarbeit. Ziemlich schade eigentlich, denn ich meine, dass die Rechtsbranche von mehr Offenheit gegen\u00fcber der Methode immens profitieren k\u00f6nnte und diese auch ben\u00f6tigt, um international mithalten zu k\u00f6nnen. Nach meinem Gef\u00fchl findet langsam aber sicher auch hier in Deutschland ein Umdenken statt \u2013 das sieht man ja bereits daran, dass Frau Dr. Brock Legal Design in Ihrem Arbeitsalltag in einer Gro\u00dfkanzlei anwendet. Das w\u00e4re vor ein paar Jahren wahrscheinlich noch nicht denkbar gewesen.<\/p>\n<p><strong>recode.law: Frau Dr. Brock, welche Prozesse und Methoden setzen Sie in der t\u00e4glichen anwaltlichen Arbeit ein? <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Dr. Brock: <\/em><\/strong><em>\u00a0\u00a0 <\/em>Wir setzen Legal Design-Methoden und -Prozesse z.B. ein, um Abl\u00e4ufe, Prozesse und Standards nutzer:innenzentrierter zu gestalten \u2013 dies betrifft sowohl die interne als auch die externe Komponente. Unser aktuellstes Legal Design Projekt widmet sich z.B. der Optimierung kanzleiinterner Abl\u00e4ufe und Dienstleistungen f\u00fcr unsere Mandantschaft im Rahmen des Projektmanagements in Planfeststellungsverfahren. Legal Design Thinking bildet hier das perfekte Werkzeug, um den komplexen Projektmanagementprozess in Planfeststellungsverfahren f\u00fcr unsere Mandantschaft und f\u00fcr uns in einfache Strukturen herunterzubrechen und Ansatzpunkte f\u00fcr die Standardisierung und Automatisierung zu finden \u2013 alles aus dem Blickwinkel der Nutzer:innen, also uns als Kanzlei und unserer Mandantschaft.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus entwickeln wir mit der Legal Design Thinking-Methode das Leitbild unserer Kanzlei weiter. Um die Bed\u00fcrfnisse unserer Mitarbeitenden im beruflichen Kontext zu verstehen und die Werte zu ermitteln, die alle Kolleg:innen teilen und diese dann auch in dem Leitbild abzubilden, bestand die erste Phase des Projekts in einem umfassenden Nutzer:innenresearch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>recode.law: Dabei arbeiten Sie auch eng mit Ihrer Mandantschaft zusammen. Kommt es auch vor, dass diese konkrete Anforderungen zur Vereinfachung bzw. Veranschaulichung von Rechtstexten an Sie stellen? <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Dr. Brock:<\/em><\/strong> \u00a0\u00a0 Ja, wir sehen, dass sich durch die fortschreitende Digitalisierung auch die visuellen Erwartungen unserer Mandantschaft und die Art und Weise, wie Informationen und Inhalte erlebt werden, ver\u00e4ndern. Juristische Informationen sollen in Zukunft ebenso wie viele andere Bereiche unseres (Privat-)Lebens bestenfalls \u201ein die Tasche\u201c passen und st\u00e4ndig verf\u00fcgbar sein. Ein Ausschnitt hiervon sind gut und schnell verst\u00e4ndliche Rechtstexte. Ob die Verwendung von Icons die Nutzer:innen erreicht, ist Frage des Einzelfalls \u2013 und der Ergebnisse des Design Thinking-Prozesses. Es kann auch eine Umformulierung im Frage-Antwort-Stil sein oder eine Zusammenfassung in Form eines One Pagers zu Beginn des Vertragswerkes. Oder wir l\u00f6sen uns insgesamt vom g\u00e4ngigen Papier-\/PDF-Stil und entwickeln neue digitale Vertragswerke. Der Design Thinking-Prozess soll Offenheit f\u00fcr Ver\u00e4nderung schaffen, die Mandant:innen dann auch wirklich dient.<\/p>\n<p><strong>recode.law: Wie kann Legal Design konkret dazu beitragen, komplexe juristische Sachverhalte verst\u00e4ndlicher und zug\u00e4nglicher zu machen?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Dr. Brock: \u00a0\u00a0 <\/em><\/strong>Das h\u00e4ngt immer vom Einzelfall ab: Um welche Sachverhalte geht es, wer kommt mit den Arbeitsergebnissen wie in Ber\u00fchrung oder was soll erreicht werden. Komplexe juristische Sachverhalte k\u00f6nnen z.B. durch visuelle Elemente wie Infografiken und Icons, durch die Nutzung einfacher Sprache oder durch intuitive Benutzung \u2013 ob analog oder digital \u2013 verst\u00e4ndlicher und zug\u00e4nglicher gemacht werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>Balmes: \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/em><\/strong>Richtig, das h\u00e4ngt ganz vom Kommunikationsziel und Publikum ab. Eines haben aber alle Legal Design Projekte gemeinsam: Wir \u00fcberlegen uns L\u00f6sungen nicht \u201eim stillen K\u00e4mmerlein\u201c, sondern validieren diese von Beginn an, und zwar empirisch. Dies ist in anderen, auch \u00e4hnlich komplexen Branchen l\u00e4ngst der Goldstandard; Jurist:innen meinen aber manchmal, dass sie ohnehin bereits alles wissen, auch \u00fcber Ihre Klient:innen und deren Bed\u00fcrfnisse. Wir sind dank unserer Ausbildung naturgem\u00e4\u00df \u201eBesserwisser\u201c und k\u00f6nnen fast nicht anders, da nehme ich mich selbst gar nicht aus \u2013 nutzergerechte, intuitiv bedienbare und zug\u00e4ngliche L\u00f6sungen schafft man so aber nicht unbedingt immer.<\/p>\n<p><strong>recode.law: Welche Rolle spielen denn Visualisierungen im Legal Design und wie k\u00f6nnen sie dabei helfen, rechtliche Informationen effektiver zu kommunizieren? <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Dr. Brock: <\/em><\/strong>\u00a0\u00a0 Durch visuelle Elemente und Grafiken k\u00f6nnen komplexe juristische Inhalte klarer und verst\u00e4ndlicher kommuniziert werden. Es gibt einen sog. readability index, mit dem gemessen werden kann, wie gut ein Text lesbar und wie verst\u00e4ndlich er ist. Visualisierungen heben die Lesbarkeit fast immer auf ein h\u00f6heres Level, sei es durch Flowcharts, Tabellen, Verbindungslinien oder die schon angesprochenen Icons. Die Visualisierung unterst\u00fctzt eine effektivere Kommunikation und kann dabei helfen, juristische Werke \u2013 Vertr\u00e4ge, Memos, ggf. sogar Gesetze \u2013 nutzer:innenfreundlicher zu gestalten. Hierdurch wird wiederum die Zug\u00e4nglichkeit und Transparenz des Rechts gesteigert.<\/p>\n<p><strong><em>Balmes: <\/em><\/strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Genau, Visualisierungen k\u00f6nnen rechtliche Informationen empf\u00e4ngergerecht vermitteln. Sie sind aber nur kleiner Teilbereich von Legal Design \u2013 es geht gerade nicht nur um \u00dcbersichtlichkeit und \u00c4sthetik oder gar um einen h\u00fcbsch anzuschauenden Vertrag mit bunten Icons. Es geht darum, anwenderfreundliche L\u00f6sungen f\u00fcr juristische Probleme zu entwickeln, die in ihrer Einfachheit genial sein k\u00f6nnen, weil sie auch tats\u00e4chlich genutzt werden.<\/p>\n<p><strong>recode.law:<\/strong> <strong>Legal Design kann also mehr erreichen, als \u201cnur\u201d komplizierte und juristisch anspruchsvolle Texte f\u00fcr \u201cLaien\u201d verst\u00e4ndlicher, lesbarer oder \u00fcbersichtlicher darzustellen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Dr. Brock: <\/em><\/strong><em>Ja,<\/em> absolut. Legal Design steht zwar auch f\u00fcr Vereinfachung komplexer, juristischer Dokumente, ist aber in seiner Gesamtheit sehr viel facettenreicher. Legal Design beinhaltet weitaus mehr (Design-) Methoden, um die Nutzer:innenperspektive in einen Innovationsprozess zu integrieren. Unter diesem Set an Methoden und Tools f\u00fcr Innovation ist z.B. Legal Design Thinking ein wichtiger Bestandteil. Gemeint ist damit die Anwendung der sog. Design Thinking-Methode im Rechtsbereich. Es handelt sich um eine systematische Herangehensweise an komplexe Problemstellungen, bei der die Nutzer:innenw\u00fcnsche und -bed\u00fcrfnisse sowie das nutzer:innenorientierte Erfinden im Zentrum des Innovationsprozesses steht. Design Thinker:innen schauen sowohl bei der Problemermittlung als auch bei der Probleml\u00f6sung durch die Brille der Nutzer:innen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Legal Design steht also f\u00fcr verschiedene L\u00f6sungsmethoden, f\u00fcr eine Denkweise, eine F\u00e4higkeit und einen Prozess und bietet dem Rechtsmarkt einen neuen Denkrahmen mit wertvollen Werkzeugen, mit denen sich ganzheitliche und nachhaltige L\u00f6sungen erarbeiten lassen. Sie dienen dazu, im Rechtsbereich zu gestalten \u2013 und zwar nicht nur visuell!<\/p>\n<p><strong><em>Balmes: \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/em><\/strong>Es ist tats\u00e4chlich ein h\u00e4ufiges Missverst\u00e4ndnis, dass der Kern von Legal Design das \u201eAufh\u00fcbschen\u201c juristischer Dokumente sei und lediglich aus Visualisierungen besteht. Dabei sind Visualisierungen zwar oftmals ein wichtiger Bestandteil effektiver Kommunikation, aber eben nicht der einzige Faktor.<\/p>\n<p>Ein \u00fcber die Gestaltung juristischer Dokumente hinausgehendes Beispiel, das die Schlagkraft von Visualisierungen zeigt, k\u00f6nnen zum Beispiel Legal Dashboards f\u00fcr Rechtsabteilungen sein, auf denen KPIs f\u00fcr die Rechtsabteilung visuell dargestellt und Faktoren wie Auslastung, Budget und Vertragsmanagement auf einen Blick sichtbar gemacht werden k\u00f6nnen. Denkbar ist insofern z.B. auch ein Justice Dashboard, in dem gerichtliche Daten visuell aufbereitet und somit auswertbar und zug\u00e4nglicher gemacht werden \u2013 so wie z.B. hier: <a href=\"https:\/\/dashboard.hiil.org\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">https:\/\/dashboard.hiil.org\/<\/a>. \u00dcberhaupt ist \u201eZug\u00e4nglichkeit\u201c ein wichtiges Stichwort im Zusammenhang mit Legal Design \u2013 es geht im Kern immer um die Zug\u00e4nglichkeit und Auffindbarkeit juristischer Informationen, letztlich also um nicht weniger als den vielseits diskutierten Zugang zum Recht. Auch Barrierefreiheit spielt in diesem Zusammenhang eine entscheidende Rolle.<\/p>\n<p><strong>recode.law: Wie kann in Projekten sichergestellt werden, dass die Anwendung von Legal Design die rechtliche Integrit\u00e4t von Dokumenten und Prozessen nicht beeintr\u00e4chtigt?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Balmes: <\/em><\/strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Unser Team bei This is Legal Design besteht zu einem \u00fcberwiegenden Teil aus Juristinnen. Das macht uns Legal Designer:innen ja gerade aus \u2013 wir haben juristische und gestalterische Kenntnisse. Das Recht ist also der Rahmen, in dem ich mich mit gutem Design bewegen kann.<\/p>\n<p>Man muss etwas dar\u00fcber hinaus nicht un\u00e4sthetisch gestalten oder kompliziert ausdr\u00fccken, damit es rechtssicher ist; ganz im Gegenteil. Eine verst\u00e4ndliche Ausdrucksweise ist im Gesetz oft sogar vorgeschrieben, z.B. in \u00a7 307 Abs. 1 S. 2 BGB. Da ist von klarer und verst\u00e4ndlicher Sprache die Rede \u2013 ansonsten: unangemessene Benachteiligung. In dem Zusammenhang h\u00f6re ich oft, das sei ja alles nicht so gemeint und der Zweck von AGB sei doch nicht, verstanden zu werden. Es steht aber w\u00f6rtlich so im Gesetz, gelebte Praxis hin oder her. Mir f\u00e4llt auch keine juristische Auslegungsmethode ein, mit der \u201eklar und verst\u00e4ndlich\u201c pl\u00f6tzlich \u201everklausuliert und un\u00fcbersichtlich\u201c bedeuten w\u00fcrde. Der Spagat zwischen nutzerfreundlicher Kommunikation und Rechtssicherheit kann durchaus gelingen, wenn man denn m\u00f6chte; es handelt sich dabei letztlich auch immer um eine Risikoabw\u00e4gung.<\/p>\n<p><strong>recode.law: Wie k\u00f6nnen Sie in der Praxis sicherstellen, dass die Anwendung von Legal Design dazu beitr\u00e4gt, die Effektivit\u00e4t und Effizienz von juristischen Prozessen zu verbessern? <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Dr. Brock:\u00a0\u00a0\u00a0 <\/em><\/strong> Legal Design fordert eine stetige R\u00fcckkopplung zwischen den Entwickelnden einer L\u00f6sung und ihrer Nutzer:innen. Legal Designer:innen stellen den Nutzer:innen Fragen und nehmen ihre Abl\u00e4ufe und Verhaltensweisen genau unter die Lupe. L\u00f6sungen und Ideen werden in Form von Prototypen m\u00f6glichst fr\u00fch sichtbar und kommunizierbar gemacht, damit potentielle Nutzer:innen sie \u2013 noch lange vor der Implementierung \u2013 testen und ein Feedback abgeben k\u00f6nnen. Auf diese Weise erzeugt Legal Design nutzer:innenzentrierte \u2013 nachhaltige \u2013 Ergebnisse. Und mit Legal Design Thinking hinterfragt man sich stets selbst, um auch weiterhin die innovativste L\u00f6sung bereit zu halten.<\/p>\n<p><strong><em>Balmes: \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/em><\/strong>Der stetige Austausch zwischen Entwickelnden und Nutzer:innen ist in der Tat der Kern der Methode, ebenso wie die stetige Besch\u00e4ftigung mit dem Problem, das es zu l\u00f6sen gilt. Wir unterteilen den Design Thinking Prozess allgemein in einen \u201eProblem Space\u201c und einen \u201eSolution Space\u201c. In Bezug auf juristische Prozesse bedeutet dies, dass wir erst einmal dahin gehen, wo der Schmerz sitzt \u2013 wir beleuchten demnach den Ist-Prozess erst einmal ganz ausf\u00fchrlich und schauen nach Pain Points, Medienbr\u00fcchen und Unklarheiten. Erst, wenn wir die Probleme des Ist-Prozesses aus der Brille der verschiedenen Beteiligten genau analysiert und verstanden haben, gestalten wir einen neuen Soll-Prozess \u2013 je nach Nutzerbedarf ist dieser dann schneller, unkomplizierter, verst\u00e4ndlicher usw., da wir nicht sofort auf die \u201eL\u00f6sung\u201c springen, sondern da ansetzen, wo es \u201ewehtut\u201c \u2013 also passgenaue L\u00f6sungsans\u00e4tze f\u00fcr die Stellen entwickeln, an denen sie wirklich ben\u00f6tigt werden.<\/p>\n<p><strong>recode.law: Sollte die Vermittlung von Kenntnissen zu Legal Design Teil der juristischen Ausbildung werden? <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Dr. Brock:<\/em><\/strong> Ja, absolut. Die Ausbildung von Legal Designer:innen sollte institutionalisiert werden, um den Zugang zu der Vielfalt der oben beschriebenen F\u00e4higkeiten \u00fcberhaupt erst zu erm\u00f6glichen. Dazu geh\u00f6rt aus meiner Sicht einerseits die \u00d6ffnung der juristischen Ausbildung f\u00fcr andere Fachbereiche \u2013 sei es die F\u00e4higkeit zu programmieren, (grafisch) zu gestalten oder (Kanzlei-)\u00a0Prozesse fr\u00fchzeitig zu verstehen und zu optimieren. Wenn schon die Ausbildung interdisziplin\u00e4rer angelegt ist, w\u00fcrde dies den Austausch zwischen den Fachgebieten deutlich erleichtern. Andererseits k\u00f6nnen (Grund-)\u00a0Kenntnisse im Design Thinking die Beantwortung fast jeder Anfrage von Mandant:innen verbessern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>recode.law: K\u00f6nnen Sie dem zustimmen, Frau Balmes? <\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Balmes:<\/em><\/strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ja, unbedingt. Wir haben k\u00fcrzlich zwei Workshops mit Studierenden der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin (HU) sowie der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln in Kollaboration mit dem Legal Tech Lab Cologne durchgef\u00fchrt. Aufgrund des positiven Feedbacks der Studierenden wurde deutlich, wie sehr ein kreativer Blick \u00fcber den juristischen Tellerrand nicht nur ben\u00f6tigt, sondern auch vom juristischen Nachwuchs erw\u00fcnscht ist! Ich w\u00fcrde mir aufgrund meiner eigenen Erfahrungen aus Studium und Referendariat w\u00fcnschen, dass Methoden wie Legal Design \u2013 aber auch andere innovative und agile Herangehensweisen sowie das Thema Legal Tech \u2013 vermehrt Teil der kernjuristischen Ausbildung werden, was aus meiner Sicht aber auch immer mehr der Fall ist. Seit ich studiert habe, hat sich da auf jeden Fall bereits sehr viel getan und ich finde es toll, dass solche Module wie an der HU und der Uni K\u00f6ln mittlerweile angeboten werden!<\/p>\n<p><strong>recode.law: Es ist gut zu h\u00f6ren, dass bereits erste Verbesserungen in der Ausbildung anzulaufen scheinen.\u00a0 Haben Sie f\u00fcr (angehende) Jurist:innen Empfehlungen f\u00fcr einen ersten Einstieg in das Thema Legal Design? <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Dr. Brock: \u00a0\u00a0 <\/em><\/strong>F\u00fcr den Einstieg kann ich das Buch von Astrid Kohlmeier und Meera Klemola empfehlen. Nicht nur die Farbe des Buches ist ein echter Eyecatcher im Buchregal. Das Buch gibt einen super Einblick in die Praxis einer Legal Designerin, erkl\u00e4rt das Skillset Legal Design, wie und warum man damit arbeiten sollte und was man damit konkret ver\u00e4ndern kann. Es h\u00e4lt auch praktische Anwendungsbeispiele bereit, die online abrufbar sind, um sich einen Eindruck zu verschaffen, welche Ergebnisse Legal Design schon erzielt hat.<\/p>\n<p><strong><em>Balmes:<\/em><\/strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Das Legal Design Buch ist auf jeden Fall eine Leseempfehlung! F\u00fcr einen schnellen Einstieg ins Thema kann ich noch folgende Artikel empfehlen:<\/p>\n<p>Legal Design: So gelingt Legal Tech\u201c von Lina Krawietz (<a href=\"https:\/\/legal-tech.de\/legal-design\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">https:\/\/legal-tech.de\/legal-design\/<\/a>) und<\/p>\n<p>\u201eWas sie \u00fcber Legal Design wissen sollten und warum es das neue Schwarz ist\u201c von Marion Ehmann (<a href=\"https:\/\/www.soldan.de\/insights\/was-sie-ueber-legal-design-wissen-sollten-und-warum-es-das-neue-schwarz-ist\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">https:\/\/www.soldan.de\/insights\/was-sie-ueber-legal-design-wissen-sollten-und-warum-es-das-neue-schwarz-ist\/<\/a>).<\/p>\n<p>Gut eignet sich hierf\u00fcr auch ein Workshop mit uns \u2013 denn Legal Design muss man hautnah erleben und den Prozess einmal selbst durchlaufen haben, um wirklich zu verstehen, wie schnell man hiermit zu nutzergerechten Ergebnissen gelangt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer Zeit, in der die Digitalisierung und technologische Entwicklungen unser Leben und die Art und Weise, wie wir arbeiten, grundlegend ver\u00e4ndern, ist es keine \u00dcberraschung, dass auch das Rechtswesen einem Wandel unterliegt. Teil dieses Wandels ist das immer st\u00e4rker in den Fokus r\u00fcckende Thema Legal Design. Doch was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff? [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":105,"featured_media":5697,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_lmt_disableupdate":"no","_lmt_disable":"no","footnotes":""},"categories":[50,53],"tags":[407,405,410,412,409,404,413,376,402,415,417,406,68,418,408,411,419,403,414,416],"class_list":["post-5652","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-magazin","category-legal-design","tag-anwendung-von-legal-design","tag-design-thinking-im-recht","tag-digitalisierung-im-recht","tag-effizienz-in-juristischen-prozessen","tag-flexibilitaet-im-rechtsbereich","tag-innovation-im-rechtsbereich","tag-interdisziplinaere-ausbildung","tag-juristische-ausbildung","tag-legal-design","tag-legal-design-in-anwaltskanzleien","tag-legal-design-methoden","tag-legal-designer","tag-legal-tech","tag-nutzerinnenperspektive","tag-nutzerzentrierter-ansatz","tag-rechtsprodukte-und-dienstleistungen","tag-rechtssicherheit-und-legal-design","tag-rechtswesen-im-wandel","tag-visualisierung-von-rechtstexten","tag-zukunft-des-rechtsmarkts"],"acf":[],"modified_by":"Gionatan Sole","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/recode.law\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5652","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/recode.law\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/recode.law\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/recode.law\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/105"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/recode.law\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5652"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/recode.law\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5652\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5698,"href":"https:\/\/recode.law\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5652\/revisions\/5698"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/recode.law\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5697"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/recode.law\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5652"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/recode.law\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5652"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/recode.law\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5652"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}