Paul F. Welter ist Mitgründer von recode.law und Volljurist – doch sein Weg in die Rechtswelt war alles andere als klassisch. Aufgewachsen mit einer Leidenschaft fürs Programmieren, hat er früh verstanden, wie weit die juristische Welt technologisch hinterherhinkt. Mit Bayshore will er das ändern: eine KI-Plattform, die Compliance- und Rechtsabteilungen von überfüllten Posteingängen und wochenlangem E-Mail-Pingpong befreit – und Unternehmen die Kontrolle über ihre eigenen rechtlichen Prozesse zurückgibt. Im Interview spricht er über seinen ungewöhnlichen Werdegang, die Idee hinter Bayshore und was er Studierenden rät, die selbst gründen wollen.

 

Du hast ursprünglich Jura studiert und jetzt ein KI-Startup gegründet. Wie kam dieser Weg zustande?

Tatsächlich war der Weg eher umgekehrt – ich komme von der Technik. Ich habe mir schon als Kind das Programmieren beigebracht, weil ich Computerspiele bauen und erweitern wollte. Angefangen hat alles mit einer Game Engine, die ich mir gekauft habe – damit kamen C++ und Java. Die erste Software, die ich „geshippt” habe, war eine Minecraft-Mod. Später habe ich nebenbei Webseiten für Werbeagenturen entwickelt, aber auch Enterprise-Software wie CRM-Systeme und deren Integration in Webshops.

Jura stand zunächst gar nicht auf meiner Agenda. Ich habe erst Informatik angefangen, aber das Studium hat mir nicht weitergeholfen: Programmieren konnte ich bereits sehr gut, und die übrigen Themen haben mich nicht genug interessiert. Weil mich gesellschaftliche Themen, Geschichte und Texte schon immer fasziniert haben, war Jura die naheliegende Wahl – und es hat von Anfang an gut funktioniert.

Durch meine „Programmiererbrille” habe ich aber schnell gesehen, wie rückständig die juristische Welt technologisch ist. Genau das war der Grund, recode.law mitzugründen. In meinen vier Jahren im Vorstand habe ich dann immer mehr Missstände gesehen, die schlicht daraus entstehen, dass Automatisierung nicht genutzt wird. Für mich war von da an klar: Ich möchte Rechtssysteme mithilfe von Technologie verbessern und revolutionieren.

 

Was ist Bayshore, welches Problem löst Ihr und für wen?

Ein kurzer Schritt zurück: Juristische Regeln waren ursprünglich als Infrastruktur für die Gesellschaft gedacht. Durch Globalisierung und Technologisierung ist das Recht aber so komplex geworden, dass es heute oft keine Infrastruktur mehr ist, sondern eine Bremse für Fortschritt. Die Regeln sind so komplex, dass ihre Adressaten sie nicht mehr selbst verstehen können – es braucht ständig einen Experten, der sie interpretiert. Genau das erzeugt einen Flaschenhals: Experten sind teuer und rar, es staut sich ein Backlog auf, und die Antworten werden inkonsistent.

Bayshore ist ein Münchner Start-up mit der Überzeugung, dass Menschen, die sich an juristische Regeln halten müssen, diese auch selbst in der Hand halten können sollten. Wichtig: Wir verkaufen nicht an Kanzleien, sondern an Unternehmen, und lösen die Probleme inhouse. Dafür haben wir eine Legal & Compliance Frontdoor gebaut – eine Plattform, an die sich juristische Anfragen richten lassen, über die Kanäle, auf denen die Menschen ohnehin unterwegs sind: Webseite, E-Mail, Microsoft Teams.

Ein Beispiel, wo es heute hakt: Jemand im Business (die First Line) hat eine rechtliche Frage und schreibt eine E-Mail an die Rechts- oder Compliance-Abteilung (die Second Line). Dort landet die Anfrage in einem unübersichtlichen Stapel, es folgt wochenlanges E-Mail-Pingpong, um den Sachverhalt zu klären, und am Ende dauert es oft Wochen bis zu einer Antwort. Wir erheben und machen sichtbar, welche Anfragen eingehen, und unsere KI stellt intelligente Rückfragen, um den Sachverhalt selbst zu ermitteln. Zunehmend beantwortet sie Fragen auch automatisiert – so weit es das Risiko zulässt –, sodass man rund um die Uhr in Sekunden eine Antwort bekommt, wo es vorher Wochen gedauert hätte. Dabei bleiben Legal und Compliance immer in Control: Sie sehen alle Anfragen, können eingreifen und KI-Antworten überschreiben, woraus die KI wiederum lernt.

 

Erzähl ein bisschen vom Weg von der ersten Idee zu Bayshore bis zum Launch.

Dass sich juristische Regeln automatisieren lassen, habe ich schon während recode.law verstanden. 2018 haben wir an der Hogan-Lovells-Legal-Tech-Competition teilgenommen und mit den recode-Mitgründern Henrik Volkmann und Mathias Schuh incass.io gebaut, mit dem sich Streitigkeiten im E-Commerce automatisch klären ließen. Da war uns klar: Das ist grundsätzlich alles automatisierbar. Der limitierende Faktor war aber immer derselbe: Der Computer brauchte strukturierte Daten, weil er nur strukturierte Regeln versteht. Man musste den Nutzer also stets in die Welt der Maschine zwängen.

Als GPT-3.5 herauskam, war ich elektrisiert. Jetzt ließen sich auch unstrukturierte Daten und sogar unbestimmte Rechtsbegriffe interpretieren. Ich merkte aber schnell, dass die Ergebnisse allein zu unzuverlässig sind – sie müssen mit deterministischen Systemen kombiniert werden, um vorhersehbar, transparent und nachvollziehbar zu werden. Genau das ist für Juristen essenziell: Nur dann kann man sich hinter eine Entscheidung stellen und Verantwortung übernehmen. Deshalb bin ich für einen Forschungsaufenthalt nach Stanford gegangen, wo ich diese Compound-AI-Technologie erarbeitet habe und etwa das deutsche AGB-Recht in Code übersetzt habe.

In Stanford habe ich auch die Domain bayshore.ai angemeldet – ein Name mit starkem Bezug zum Silicon Valley, um auszudrücken, dass wir an der Cutting Edge arbeiten. Zurück in Deutschland habe ich mein zweites Examen abgeschlossen und mich mit Philipp Wiegand zusammengetan, der ebenfalls in Stanford war. Wir haben Leute auf LinkedIn interviewt und festgestellt, dass es in Legal und Compliance sehr schmerzhafte Prozesse gibt, die sich hervorragend automatisieren lassen. Mit Erik Krauter kam ein weiterer technischer Co-Founder dazu. Gemeinsam haben wir die ersten Pilotprojekte mit zwei DAX-Konzernen an Land gezogen – für uns die Bestätigung, an etwas Richtigem dran zu sein. Mit dabei ist auch Leonard Orth aus dem recode.law-Umfeld, der uns hilft zu verstehen, welche Regeln unsere Kunden anwenden müssen und wie sie diese interpretieren. Als Business Angels unterstützen uns Lukas Friehoff, Mathias Schuh, Henrik Volkmann und Dennis Fordan. Es sind noch andere Angels dabei, die zwar keine recode-Mitglieder sind, aber die wir über den Verein kennengelernt haben.

 

Du arbeitest jetzt eng mit Kanzleien und Rechtsabteilungen zusammen. Wie offen erlebst Du die Branche gegenüber neuen Tools, und wo merkst Du noch Berührungsängste?

Eine kleine Korrektur vorweg: Wir arbeiten nicht mit Kanzleien zusammen, sondern mit deren Mandanten – also den Unternehmen selbst. Unser Gedanke: Warum sollte ein Unternehmen juristische Probleme auslagern, wenn sie sich inhouse lösen lassen? Eng zusammen arbeiten wir mit den Rechts- und vor allem den Compliance-Abteilungen.

Unternehmen stehen immer vor der Frage „bauen oder einkaufen”. Intern zu bauen reduziert Abhängigkeiten, aber oft fehlt die Expertise: IT-Abteilungen haben hunderte Projekte, und Legal-Themen haben selten Priorität – Kunden warten teils jahrelang. Zudem braucht man fortlaufend den Input von Juristen und jemanden, der die Lösung pflegt. Und ein einzelnes Unternehmen hat nur seine Innenperspektive, während wir den Input vieler Unternehmen bündeln und die Kosten umlegen können.

Häufig wird zunächst mit „Bordmitteln” wie Microsoft Copilot gearbeitet. Das ist grundsätzlich sinnvoll – ich würde selbst immer zuerst General-Purpose-Tools versuchen. Aber Copilot ist eben General Purpose: Microsoft schreibt sogar selbst, dass es nicht für Compliance evaluiert wurde. Unsere interne Evaluation hat gezeigt, dass Copilot im Schnitt zwei relevante Rückfragen schlicht nicht gestellt hat – hätte es sie gestellt und man entsprechend geantwortet, wäre das Ergebnis anders ausgefallen. Das zeigt: Diese wahrscheinlichkeitsbasierten Sprachmodelle sind nicht auf einen hohen Determinismusgrad und hohe Konsistenz ausgelegt. Wer das will, braucht eine zusätzliche deterministische Code-Komponente – genau die haben wir in unserer Compound-AI-Technologie.

Die Kernaussage ist aber: Allen Compliance- und Rechtsabteilungen ist bewusst, dass sich etwas ändern muss. Wir erleben eine große Offenheit und einen großen Bedarf, weil die Teams in Arbeit ertrinken. Wenn wir einen Kunden mal nicht gewinnen, dann meist, weil er zunächst intern etwas bauen will – und solche Kunden kommen oft zu uns zurück, sobald sie erste Enttäuschungen erlebt haben.

 

Was würdest Du Studierenden raten, die heute bei recode.law anfangen und vielleicht selbst mal gründen wollen?

Erwerbt unbedingt technische Kompetenzen. Wer heute mit dem Studium anfängt, ist vielleicht erst in acht Jahren fertig – und dann halte ich es für völlig abwegig zu glauben, dass man mit rein konventionellen Mitteln noch eine gute Zeit auf dem Arbeitsmarkt hat. Man muss digitale Tools entwickeln und sich bei allem fragen: Wie kann mir Automatisierung hier helfen?

Gleichzeitig darf man nicht naiv sein und glauben, man könne einfach alles in irgendein Large Language Model „hacken”. Man muss verstehen, wie diese Technologien arbeiten und an welche Grenzen sie stoßen. Deshalb meine klare Empfehlung: Belegt Programmierkurse, nehmt – auch online – Kurse, in denen man lernt, wie ein Large Language Model funktioniert, experimentiert damit, schaut euch Benchmarks an. So sollte man auch Praktika, Stationen und Werkstudentenjobs wählen: Ein Job, in dem man nichts darüber lernt, wie solche Technologien funktionieren und wie man passende Use Cases identifiziert, ist vertane Zeit.

Und wer Lust hat: Bewerbt euch gern bei Bayshore. Wir hatten schon zwei Praktikanten, und beide haben unser Unternehmen mit einem deutlich größeren Wissensschatz und einer völlig anderen Perspektive auf die juristische Welt verlassen, als sie hereingekommen sind.