I. Einleitung 

Der Markt für Legal-AI-Tools ist fragmentiert – und er wächst schnell. CoCounsel, Harvey, Libra, Noxtua, Omnilex: Immer mehr Anbieter versprechen, die juristische Arbeit grundlegend zu verändern. Doch wer ein passendes Tool für die eigene Praxis sucht, steht vor einem Problem: Die Produkte ähneln sich auf den ersten Blick, unterscheiden sich im Detail aber erheblich. Gleichzeitig fehlt es an unabhängigen, strukturierten Vergleichen und die meisten Informationen stammen von den Anbietern selbst.

Dieser Beitrag soll Abhilfe schaffen. Er ordnet die aktuelle Legal AI-Landschaft, arbeitet Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus und bietet einen konkreten Ansatz für die eigene Auswahl. Sein Ziel ist ausdrücklich keine Empfehlung für ein bestimmtes Produkt, denn eine allgemeingültige gibt es nicht. Stattdessen soll der Beitrag Orientierung bieten, um aus der Vielzahl der Angebote ein bis drei Tools für einen ersten eigenen Test zu identifizieren.

Die Grundlage bildet eine seit Anfang 2026 laufende Veranstaltungsreihe im Rahmen der Student Driven University (SDU)von recode.law, bei der Anbieter ihre Produkte vorgestellt haben, ergänzt durch eigene Tests einzelner Vereinsmitglieder. Nicht alle Tools konnten dabei gleich intensiv getestet werden. Wo dies relevant wird, machen wir es kenntlich.

II. Überblick über getesteten Tools 

1. Gesamtüberblick

CoCounsel, Harvey, Libra, Noxtua und Omnilex lassen sich insgesamt als Legal-AI-Workspaces einordnen, die juristische Arbeit in einer KI-gestützten Arbeitsumgebung unterstützen.

Die Grundfunktionalität der AI-Workspaces ist der Chat. Wie von herkömmlichen KI-Anwendungen gewohnt, können Nutzer der KI Fragen stellen und Arbeitsanweisungen geben: Das umfasst etwa die Zusammenfassung von Dokumenten, das Entwerfen von Memos, E-Mails oder Vertragsklauseln.
Zur Minimierung von Halluzinationen arbeiten die Tools in unterschiedlicher Ausgestaltung mit RAG-Ansätzen. Vereinfacht beschrieben bezeichnet dies die Einbindung externer Daten (eigene Dokumente, Datenbanken oder sonstige Quellen) zur Generierung einer KI-Antwort. Somit antwortet das zugrundeliegende Sprachmodell nicht allein basierend auf seinen Trainingsdaten, sondern erhält von den Nutzern oder Anbietern eine breite Wissensbasis. Während einige AI-Workspaces für die Beantwortung von Prompts in Kooperation mit juristischen Fachverlagen ganze juristische Datenbanken inklusive Sekundärliteratur anbinden, beschränken sich andere lediglich auf Gesetze und frei verfügbare Urteile.

Damit Nutzer einen guten, ausführlichen Prompt – etwa für regelmäßig durchgeführte Anfragen – nicht jedes Mal vollständig eingeben müssen, bieten die Legal-AI-Workspaces jeweils unterschiedliche Funktionalitäten, um diese Anweisungen zu speichern. Die erweiterte Funktion, gesamte Arbeitsabläufe in mehrschrittigen Workflows zu automatisieren, bieten nur einige Anbieter an. Einige Workspaces stellen Nutzern direkt eigene Vorlagen für die genannten Funktionen zur Verfügung, um den Einrichtungsaufwand möglichst gering zu halten.

Wiederum ermöglichen alle Plattformen die Auswertung großer Dokumentenmengen: Der Nutzer lädt Dutzende oder Hunderte Dokumente hoch, die auf dieselben Aspekte überprüft werden. Die Erkenntnisse werden dann in einer großen Tabelle dargestellt. Je nach Anbieter heißt diese Funktion „Discovery“, “Grid”, „Matrix“ oder „Tabular Review“.

Neben diesen Kernfunktionen haben alle Anbieter noch unterschiedliche weitere nützliche Funktionen integriert: etwa einen Texteditor im Workspace, dedizierte Review-Funktionen, Integrationen in Microsoft Word sowie Outlook, das Ersetzen von Platzhaltern oder Verknüpfungen mit Dokumentmanagement-Systemen.

Der für Juristen mitunter wichtigste Punkt kommt zum Schluss: Nach eigenen Angaben halten alle Anbieter die einschlägigen berufs- und datenschutzrechtlichen Anforderungen ein. Dazu gehören vor allem § 203 StGB, §§ 43, 43e BRAO und die Pflichten der DSGVO.

2. Einzelne Tools 

a. CoCounsel

CoCounsel ist ein auf juristische Arbeit spezialisiertes KI-Assistenzsystem von Thomson Reuters. Es richtet sich an Kanzleien und Unternehmensjurist:innen und unterstützt insbesondere bei Recherche, Dokumentenanalyse, Review und Entwurf juristischer Texte. Anders als ein allgemeiner Chatbot ist CoCounsel auf typische anwaltliche Arbeitsabläufe voreingestellt: Besondere Kenntnisse im Prompting sind nicht erforderlich, da zentrale Funktionen als „Skills“ bzw. strukturierte Workflows angelegt sind.

Zu den wichtigsten Funktionen gehören das Zusammenfassen und Vergleichen von Urteilen, die Analyse großer Dokumentensammlungen, Vertragsprüfungen, Due-Diligence-Checklisten, internationale und vertiefte Rechtsrecherche sowie das Erstellen von Entwürfen für juristische Texte. Dokumente können hochgeladen, in Sammlungen organisiert und anschließend tabellarisch oder als Fließtext ausgewertet werden. Ergebnisse werden mit Fundstellen, Hervorhebungen und Verlinkungen nachvollziehbar aufbereitet.

b. Harvey 

Das US-Tool Harvey hat sich seit seinem Markteintritt 2022 zu einem der führenden Legal AI-Anbieter für Großkanzleien und Rechtsabteilungen entwickelt. Harvey zeichnet sich vor allem durch seinen Fokus auf praktische (Wirtschafts-)Rechtsberatung und einen breiten Funktionsumfang aus: Von Recherche über Vertragsreview und Drafting bis hin zu Workflow-Automatisierung deckt die Plattform den gesamten juristischen Arbeitsprozess ab. Die Plattform gliedert sich in vier Kernfunktionen: Assistant, Vault, Knowledge und Workflows.

Assistant ist das Hauptprodukt in Form eines Chat-Bots. Das Tool verfügt über einen spezifischen Drafting-Modus mit Track-Changes-Funktion. Eine Ein-Klick-Funktion zur Prompt-Verfeinerung unterstützt dabei, präzisere Ergebnisse zu erzielen. Für die strukturierte Auswertung stehen Review-Tabellen zur Verfügung. Die Ergebnisse können in Dokumentenform generiert und exportiert werden.

Harvey Vault ist ein intelligenter Datenspeicher für bis zu 10.000 Dokumente. Diese Funktion ist speziell für datenintensive Projekte wie Großverfahren oder komplexe Due-Diligence-Prüfungen ausgelegt. Fundstellen werden innerhalb des Vaults direkt verlinkt, wobei die entsprechenden Dateien zur sofortigen Verifizierung in einer Vorschau angezeigt werden.

Harvey Knowledge ist spezifisch auf Rechtsrecherche zugeschnitten und bindet sowohl kanzleiinterne Daten (bspw. über iManage) als auch externe Datenbanken wie LexisNexis ein. Deutsche Datenbanken sind allerdings nicht integriert.

Workflow-Agents ermöglicht die Automatisierung mehrstufiger, repetitiver Aufgaben. Der Nutzer kann hierbei auf voreingestellte Standard-Workflows zurückgreifen oder benutzerdefinierte Playbooks erstellen.

Daneben verfügt die Plattform über eine Prompt-Datenbank sowie Integrationen unter anderem für Word, Outlook, iManage und den Internetbrowser. Ein besonderer Fokus liegt zudem auf kollaborativem Arbeiten: Vaults können etwa in Echtzeit mit dem gesamten Team geteilt werden.

c. Libra

Libra ist ein 2023 gegründeter Legal-AI-Workspace, der im November 2025 von Wolters Kluwer übernommen wurde. Die Plattform integriert seither neben dem Handelsregister auch kuratierte juristische Inhalte wie Wolters Kluwer Online, Otto Schmidt, Rechtsprechung – auf einer einzigen Oberfläche und ohne Medienbrüche. Mittlerweile ist die Plattform in elf europäischen Ländern verfügbar.

Funktional bietet Libra einen KI-Chat mit dem oben genannten Recherche-Modus und einem Prompt-Verbesserer. Über die Chat-Grundfunktion hinaus lassen sich individuelle KI-Assistenten einrichten und mehrstufige Workflows aufsetzen, die wiederkehrende Arbeitsprozesse automatisieren. Als Ausgangspunkt stellt Libra umfangreiche Vorlagen für eine Vielzahl juristischer Tätigkeiten zur Verfügung.

Für die Massenauswertung von Dokumenten steht eine Discovery-Funktion bereit, die hunderte Dokumente parallel verarbeitet und Ergebnisse in einer strukturierten Tabelle aufbereitet. Außerdem können Playbooks – KI-gestützte Regelwerke für standardisierte Vertragsprüfungen für die automatisierte Dokumentenprüfung – hinterlegt werden. Ergänzt wird das Angebot durch ein Word-Add-In sowie ein Outlook-Add-In.

Besonders für gesellschaftsrechtliche und M&A-Mandate lohnt sich ein genauerer Blick auf die Handelsregister-Anbindung. Nun sind Abfragen, die bislang über die oft träge und schwer zu navigierbare Website des Handelsregisters liefen, direkt aus dem Workspace heraus möglich. Das ist ein stiller, aber handfester Effizienzgewinn im Alltag. 

d. Noxtua

Das Legal AI Tool Beck-Noxtua nutzt zwei Ansätze: Zum einen nimmt Noxtua als einziger Anbieter ein Fine-Tuning eines Open-Source-Sprachmodells vor. Zum anderen wird mittels der RAG-Technik die Datenbank des Beck-Verlages integriert. Die Kombination beider Ansätze ist das Alleinstellungsmerkmal von Beck-Noxtua, wobei die exklusive Integration der Beck-Datenbank heraussticht. 

Daneben zeichnet sich das Tool durch erhöhte Sicherheitsstandards aus. Konkret erfüllt Beck-Noxtua mehrere Zertifizierungen und ist unabhängig von US-amerikanischen Cloud-Anbietern. Dadurch, dass die Chats mit der KI nur im Cache, dem temporären Speicher des Computers, gespeichert werden, kann Beck-Noxtua nicht auf diese zugreifen. Kehrseite dieser Sicherheitsstandards ist allerdings auch, dass die Dokumente und Antworten der KI nicht auf anderen Geräten abrufbar sind und zwischen Sitzungen gelöscht werden können.

Ähnlich wie andere Anbieter integriert auch Beck-Noxtua Recherche- und Drafting-Funktionen in das Legal AI Tool, Workflow-Funktionen gibt es derzeit allerdings (noch) nicht.

e. Omnilex

Omnilex ist ein in der Schweiz entwickelter KI-Workspace, der darauf spezialisiert ist, Gesetze, Gerichtsentscheidungen und Kommentierungen in einer geschlossenen Arbeitsumgebung zusammenzubringen. 

Das Alleinstellungsmerkmal von Omnilex ist eine neuartige, KI-generierte Rechtskommentierung. Darin werden Gesetze und Gerichtsentscheidungen über verschiedene Rechtsordnungen hinweg automatisch annotiert, interpretiert und miteinander verknüpft. Das Unternehmen adressiert damit nach eigenem Verständnis das Problem, dass (Legal) AI nicht auf die juristischen Kommentare der gängigen Fachverlage zugreifen kann, wodurch die Ergebnisse oftmals oberflächlich blieben. 

Seit dem Abschluss einer neuen Finanzierungsrunde Ende 2025 arbeitet Omnilex zudem verstärkt daran, das Produkt über den Recherchefokus hinaus noch stärker auf die Rechtsberatung auszurichten. Zu den Kernfunktionen von Omnilex zählen Rechtsrecherche mittels KI-Assistent, die Erstellung juristischer Dokumente, Dokumentenanalyse (“Grid”) sowie die Erstellung benutzerdefinierter Playbooks. Bei der Recherche kann der Nutzer gezielt auswählen, welche Quellen durchsucht werden sollen. Das Tool verfügt daneben über einen Prompt-Verbesserer sowie Add-Ins für Outlook und Word.

f. Übersicht 

 CoCounselHarveyLibraNoxtuaOmnilex
SprachmodellAktuelle Top-LLMAktuelle Top-LLMAktuelle Top-LLMOpen Source LLM + FinetuningAktuelle Top-LLM
Funktionen 
Integrierte Verlagsinhalte (für dt. Recht)Otto Schmidt &
Wolters Kluwer 
C. H. Beck
Erweiterte ChatfunktionenSkills, WorkflowsAgenten, WorkflowsAssistenten, WorkflowsPromptbibliothekAgenten, Workflows
Integrierter TexteditorEditorCanvas
DokumentenauswertungTabular AnalysisReview TableDiscoveryMatrixGrid
Dokumenten-ReviewPlaybookPlaybookReviewPlaybook
Integrationen 
WordJaJaJaJaJa
OutlookJaJaJa 
Sonstiges 
SitzUSAUSADeutschlandDeutschlandSchweiz
BesonderheitThomson Reuters in den USA, Skills und WorkflowsHöchste Marktbewertung; Infrastruktur und Rechteverwaltung für besonders große MandateWorkflows mit Recherchezugriff (Wolters Kluwer, Otto Schmidt); Handelregister-IntegrationFokus auf Sicherheit/ deutsch; Anbindung an Beck-DatenbankKI-generierte Gesetzeskommentierungen als Alternative zu herkömmlichen Kommentaren

III. Erfahrungsbericht

An dieser Stelle wollen wir von unseren Erfahrungen berichten. Mehrere Anbieter – allerdings nicht alle – haben uns Testlizenzen für die Legal Workspaces zur Verfügung gestellt. Diese konnten wir nutzen, um verschiedene Anwendungsfälle auszuprobieren.

1. CoCounsel

Im Rahmen des Workshops wurde das KI-Tool CoCounsel Legal von Thomson Reuters vorgestellt. In der Demo wurde gezeigt, dass CoCounsel nicht wie ein allgemeiner Chatbot funktioniert, sondern auf juristische Arbeitsabläufe zugeschnitten ist. 

Gezeigt wurden unter anderem die Analyse und Zusammenfassung von Urteilen, der Vergleich gerichtlicher Argumentationen sowie die Auswertung größerer Dokumentensammlungen. Dabei kann CoCounsel Ergebnisse sowohl tabellarisch als auch als Fließtext darstellen und mit Fundstellen bzw. Verlinkungen versehen werden. Ergänzend wurde deutlich, dass CoCounsel auf eine verlässliche juristische Quellenbasis sowie auf vertiefte Rechtsrecherche ausgerichtet ist.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf den praktischen Einsatzmöglichkeiten im Kanzleialltag, etwa bei der Vorbereitung von Fragen, der Erstellung von To-do-Listen oder dem Entwurf einfacher Texte.

Bei Redaktionsschluss lag die Testlizenz noch nicht vor, daher wird der Bericht an dieser Stelle zu späterer Zeit ergänzt. 

2. Harvey 

Harvey entfaltet seine volle Stärke insbesondere bei umfangreichen Projekten mit großen Daten- und Dokumentenmengen. Vor allem in den Bereichen Due Diligence und komplexer Litigation bietet das Tool einen signifikanten Mehrwert.

Die Vault-Funktion überzeugt durch eine intuitive Bedienung. Besonders die direkte Verlinkung von Fundstellen, die sich per Klick in einem separaten Teilfenster öffnen, ermöglicht eine schnelle Verifizierung und führt zu erheblichen Zeitersparnissen bei der Analyse großer Datenräume.

Beim Drafting ist insbesondere der Track-Changes-Modus ein entscheidender Vorteil. Das System optimiert bestehende Texte, statt sie vollständig neu zu generieren. Dies bewahrt die ursprüngliche Struktur und erlaubt punktgenaue manuelle Anpassungen.

Die von Harvey erstellten Memos zeichnen sich durch eine ausgeprägte juristische Stringenz und einen übersichtlichen Aufbau aus. Hervorzuheben ist vor allem die Funktion zur Prompt-Verbesserung, welche die Qualität des Outputs – insbesondere bei weniger erfahrenen Nutzern – deutlich verbessert. Auffällig ist zudem ein starker Fokus auf die Rechtsprechung, was mutmaßlich auf ein intensives Training mit Daten aus angelsächsischen Case-Law-Systemen zurückzuführen ist.

Als wesentliche Schwachstelle erweist sich die fehlende Anbindung an die führenden deutschen Datenbanken. Ohne Zugriff auf diese Quellen bleibt die Nutzbarkeit für die spezifisch deutsche Rechtsrecherche aktuell noch limitiert.

3. Libra

In unserem Test überzeugte Libra vor allem bei der Recherche umstrittener Rechtsfragen. Selbst bei schwierigeren Fragestellungen mit Rückausnahmen lieferte das Tool zumeist korrekte Antworten und arbeitete die vertretenen Meinungen und Argumente sauber heraus – was insbesondere bei der ersten Annäherung an unbekannte Probleme hilfreich ist.

Die Anbindung an Wolters Kluwer Online und Otto Schmidt sowie die integrierte Rechtsprechungssammlung erwiesen sich dabei als zentraler Vorteil: Wir konnten die generierten Antworten direkt im Workspace gegen die zitierten Fundstellen prüfen, ohne in einer anderen Datenbank selbst recherchieren zu müssen. Hilfreich ist auch, dass sich pro Anfrage gezielt auswählen lässt, welche Quellen herangezogen werden sollen. Strukturelle Limitierungen sind uns in unseren Recherchen nicht begegnet – denkbar ist aber, dass Juristen in einzelnen Rechtsgebieten zwingend auf Beck-Inhalte angewiesen sind, die hier nicht abgedeckt sind.

Die Anbindung an das Handelsregister ist ebenfalls ein erheblicher Mehrwert. Dadurch ist der Rückgriff auf die schwer navigierbare Website des Registergerichts nicht mehr notwendig, da Libra schnelle und zuverlässige Ergebnisse bietet. Das spart viel Zeit und schont vor allem die Nerven. 

Technisch setzt Libra auf aktuelle Top-Sprachmodelle anstatt auf eigenes Fine-Tuning. In unserer Nutzung schlug sich das in stimmigen Textauswertungen und einem agentischen Verhalten nieder, bei dem das System einzelne Arbeitsschritte selbstständig durchdenkt und ausführt. Über das Word-Add-In lässt sich der Workspace zudem direkt in die gewohnte Textverarbeitung einbinden.

Als gewisse Hürde erweist sich anfänglich die komplexe Workflow-Funktion. Wer eigene mehrstufige Workflows aufsetzt, benötigt etwas Geduld und Erfahrung im präzisen Prompting. Dieser Einarbeitungsaufwand rentiert sich jedoch, da sie im Anschluss reproduzierbar einen gesamten Arbeitsablauf (teil-)automatisieren und optimal auf die spezifische Kanzlei- oder Unternehmenspraxis zugeschnitten sind. 

4. Noxtua

Im Rahmen des Workshops mit Beck-Noxtua wurden uns die verschiedenen Funktionen des Workspaces gezeigt und es wurde einfache Rechtsfragen getestet, wobei das Tool ebenfalls zum größten Teil überzeugende Antworten lieferte.

Bei dem anschließenden Test im Workshop ist vor allem die Einbindung der Datenbank des Beck-Verlages hervorzuheben, die sich als hilfreich bei der juristischen Recherche herausstellte. Man konnte einfach und intuitiv auf die verschiedenen Kommentierungen von Beck hingeleitet werden. 

Bei Redaktionsschluss lag eine Testlizenz noch nicht vor. Ändert sich das, wird der Bericht an dieser Stelle zu späterer Zeit ergänzt. 

5. Omnilex

Omnilex überzeugt vor allem durch seinen breiten Funktionsumfang und die transparente, fundstellenbasierte Aufbereitung der Ergebnisse.

In unserem Test zeigte sich, dass die meisten gestellten einfachen Rechtsfragen im Ergebnis korrekt beantwortet wurden. Aufschlussreich war dabei der Unterschied zwischen der regulären und der vertieften Recherche: Sowohl Länge als auch Strukturierung der Antwort lagen bei der vertieften Recherche deutlich näher an einer normorientierten Prüfung. Bei der vertieften Recherche dauert es allerdings deutlich länger, die Antwort zu generieren – ein paar Minuten gegenüber Sekunden bei der einfachen Recherche. In der Praxis dürfte man daher dennoch schnell dazu verleitet werden, beim Default-Modus der regulären Recherche zu bleiben.

Im Vergleich zu anderen Tools sticht insbesondere der Omnilex-KI-Kommentar hervor. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob sich dieser Ansatz durchsetzen und gegebenenfalls sogar die Art und Weise, wie wir juristisch arbeiten, dauerhaft verändern kann. Dabei sind vor allem die beiden folgenden Herausforderungen zu berücksichtigen: 

Klassische Kommentierungen gehen vom juristischen „Normalfall“ aus und ordnen Einzelfallprobleme der Rechtsprechung in ein systematisches Gerüst ein. Ein KI-Kommentar hingegen riskiert, durch seinen stark evidenzbasierten Fokus auf die (oft einzelfallbezogene) Rechtsprechung den Blick für die allgemeine dogmatische Struktur zu verlieren. 

Zweitens extrahiert der KI-Kommentar seine Kommentierung aktuell ausschließlich aus Urteilen. Besonders bei neuen Gesetzen, zu denen noch keine umfangreiche Rechtsprechung vorliegt, stößt dieses Modell an seine Grenzen. Hier wäre ein Zugriff auf andere Kommentierungen oder Aufsätze unerlässlich, um juristische Korrektheit und Tiefe zu gewährleisten.

IV. Das richtige Tool auswählen

Der Markt für Legal-AI-Tools wächst schnell und damit die Versuchung, einfach das Tool mit der besten Präsentation zu wählen. Wer strukturierter vorgeht, trifft bessere Entscheidungen. Dieser Abschnitt soll einen Leitfaden vorschlagen, mit dem sich jeder durch die Auswahl navigieren kann.

Schritt 1: Anwendungsbereiche und Prioritäten identifizieren

Zunächst sollte geklärt werden, welche Aufgaben das Team am meisten Zeit kosten und wo der größte Mehrwert durch Automatisierung entsteht. Darauf basierend sollte die Frage aufgeworfen werden, welche Aufgaben und Prozesse man mit einem Legal AI Tool unterstützen oder automatisieren möchte.

Schritt 2: In drei Phasen evaluieren

Die Evaluation sollte in drei Phasen erfolgen: zunächst mit einer Vorprüfung anhand öffentlich verfügbarer Materialien, dann mit einem Demo-Termin und schließlich mit einer intensiven Testphase mit ein oder zwei Tools im echten Arbeitsumfeld – idealerweise über mehrere Wochen. Alle Beteiligten sollten sich dafür vorab auf gemeinsame Testfälle und Bewertungsmaßstäbe einigen, um sicherzustellen, dass die Rückmeldungen vergleichbar sind. 

Schritt 3: Die richtigen Kategorien prüfen

Welche Kriterien sollten bei der Auswahl besonders beachtet werden? Zunächst sollte die Kompatibilität überprüft werden: Deckt das Tool die wichtigsten eigenen Anwendungsfälle ab und lässt sich ohne Redundanz  in die bestehende Infrastruktur einbinden? 

Zudem muss das Produkt die relevante Funktionalitätaufweisen: Dafür hilft zunächst ein Blick auf die oben dargestellte Tabelle – anschließend ein Test, ob die Erwartungen erfüllt werden. Wichtig ist hier sowohl ein Test in die Breite (Recherche, Überprüfbarkeit, Dokumentenerstellung, Informationsauswertung, …) als auch in die Tiefe (Schwierigkeit der Anfrage, Schnelligkeit, Benutzerfreundlichkeit). KI kann durchaus auf dieselbe Anweisung unterschiedliche Ergebnisse liefern. Um zufällige Hoch- oder Tiefpunkte auszugleichen, sollte dasselbe mehrmals getestet werden. . 

Zudem bietet sich ein Blick auf die Einführungsunterstützungan. Diese sollte sich an Juristinnen und Juristen richten, nicht nur an die IT und auch bei Fragen entsprechend zeitnah Rückmeldung bieten. 

Schließlich spielen die teils stark divergierenden Kostenauch eine Rolle.

V. Fazit

Die Ausgangsfrage – welches Legal-AI-Tool das richtige ist – lässt sich nicht pauschal beantworten. Was dieser Beitrag aber zeigen konnte: Die Grundfunktionen der verglichenen Tools ähneln sich stärker, als man zunächst annehmen würde. Chat, Dokumentenauswertung, Drafting und datengestützte Recherche gehören inzwischen zum Standard. Die eigentlichen Unterschiede liegen tiefer.

Für Anwender, die sich primär im deutschen Recht bewegen, ist die Frage, ob überhaupt eine juristische Datenbank angebunden ist, ein zentrales Differenzierungskriterium. Ohne Zugang zu einschlägiger Sekundärliteratur fehlt nicht nur inhaltliche Tiefe – es fehlt vor allem die Möglichkeit, Ergebnisse anhand verlässlicher Quellen zu überprüfen. Wer darüber hinaus repetitive, mehrstufige Aufgaben automatisieren will, muss gezielt prüfen, ob das Tool Workflow- oder Agenten-Funktionen bietet. Wie man an der obigen Tabelle sieht: Manche Tools vereinen beides; bei anderen muss man sich entscheiden, welcher Aspekt Priorität hat. 

Damit wird deutlich: Die richtige Wahl hängt nicht vom „besten” Tool ab, sondern von den eigenen Prioritäten – den Rechtsgebieten, dem Arbeitsumfeld, den konkreten täglichen Aufgaben, den bestehenden Systemen und nicht zuletzt davon, wer das Tool am Ende tatsächlich nutzen soll. Wer diesen Beitrag als Orientierung nutzt, um ein bis drei Tools für einen eigenen Test auszuwählen und diese mit echten Mandaten, eigenen Dokumenten und kritischen Fragen zu erproben, ist auf einem guten Weg. 

recode.law begleitet diese Diskussion auch weiterhin: In einer begleitenden Podcast-Reihe vertiefen wir die hier angerissenen Themen. Folgt uns auf LinkedInoder unserem Podcast, um nichts zu verpassen.

Hinweis der Redaktion: Wir haben diesen Beitrag nach bestem Wissen geschrieben. In der schnelllebigen Legal AI Landschaft können sich bestimmte Angaben schnell überholen. Deswegen freuen wir uns über Anmerkungen und empfehlen einen Blick auf die Webseiten der in der engeren Auswahl stehenden Tools.

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