Nachbericht: Workshop mit Bird&Bird

Über den Einsatz von KI in der Rechtspraxis wird derzeit viel geschrieben. Deutlich seltener bekommt man die Gelegenheit, selbst auszuprobieren, was Sprachmodelle in einer konkreten Mandatssituation tatsächlich leisten – und wo sie an ihre Grenzen stoßen. Genau dafür waren wir am 21. Juli 2026 bei Bird & Bird in Frankfurt zu Gast. Die Teilnehmenden standen alle nach dem ersten Staatsexamen, brachten also juristisches Handwerkszeug mit, jedoch sehr unterschiedliche Vorerfahrungen im Umgang mit KI.

Wie Sprachmodelle eigentlich funktionieren

Den Auftakt übernahm ich, Mai von recode.law, mit einem Vortrag zur technischen Funktionsweise großer Sprachmodelle. Mir war wichtig, nicht bei der Anwendungsebene stehen zu bleiben, sondern zu zeigen, was im Inneren eines Modells passiert, z.B. wie Text in Tokens zerlegt wird, wie ein Modell auf dieser Grundlage Wahrscheinlichkeiten für das jeweils nächste Token berechnet und warum daraus flüssige, aber eben nicht notwendigerweise zutreffende Texte entstehen.

Dieses Verständnis ist keine technische Spielerei, sondern hat unmittelbare Konsequenzen für die juristische Arbeit. Wer weiß, dass ein Modell keine Datenbank abfragt, sondern Sprache fortschreibt, geht anders mit dessen Ausgaben um. Er prüft Fundstellen nach, gibt bewusst Kontext vor und behält die Verantwortung für das Ergebnis bei sich. Aus meiner Sicht ist das die eigentliche Kompetenz, die Jurist:innen im Umgang mit KI brauchen – die Fähigkeit einzuschätzen, welchen Teil der Arbeit man sinnvoll auslagern kann und welchen nicht.

Einblicke aus der Praxis

Anschließend übernahmen die Anwält:innen von Bird & Bird. Johannes Jung berichtete davon, wie Legal Tech den Alltag einer Großkanzlei inzwischen prägt – von der Dokumentenanalyse bis zu den Fragen, die sich stellen, wenn Mandate zunehmend nicht mehr nach aufgewendeten Stunden abgerechnet werden können.

Oliver Belitz und Dr. Simon Hembt gaben danach einen Einblick in die Beratungspraxis zu KI. Sichtbar wurde vor allem, wie viele Rechtsgebiete ein einziges KI-Projekt berührt: Urheber- und Persönlichkeitsrecht, Datenschutzrecht, der Schutz von Geschäftsgeheimnissen, das Vertragsverhältnis zu Kund:innen und Dienstleistern, arbeitsrechtliche Fragen, Cybersicherheit und über allem die Vorgaben des AI Act. Mandant:innen kommen selten mit einer sauber zugeschnittenen Rechtsfrage in die Kanzlei, sondern mit einem laufenden Projekt, das bereits Fakten geschaffen hat.

Die Gruppenarbeit: eine AI Use Policy

Der Sachverhalt der anschließenden Gruppenarbeit war entsprechend praxisnah: Ein Unternehmen setzt generative KI bereits im Tagesgeschäft ein – ohne Absprache und mit erkennbaren rechtlichen Risiken. Die Aufgabe für die vier Teams war der erste Entwurf einer AI Use Policy, die den Einsatz nicht verbietet, die Risiken so weit wie möglich ausräumt und für die Fachabteilungen verständlich bleibt.

Der Einsatz von KI war dabei ausdrücklich erwünscht – für Recherche, Strukturierung und Ausformulierung; überwiegend fiel die Wahl auf ChatGPT und Claude. Ebenso ausdrücklich galt aber: Die Zulieferungen der Modelle mussten von den Teams orchestriert und kontrolliert werden, mit besonderer Vorsicht dort, wo man die eigene Expertise verlässt.

Vorstellung der Ergebnisse

Jedes Team benannte anschließend eine Person, die den eigenen Entwurf vorstellte: Aufbau des Dokuments, die dahinterstehenden rechtlichen Erwägungen und – mindestens genauso interessant – die Frage, wie im Team konkret mit den Modellen gearbeitet wurde. Darauf folgte jeweils das Feedback der Anwält:innen zu Inhalt und Techniknutzung. Gerade dieser doppelte Blick hat sich als der lehrreichste Teil des Tages erwiesen. Man sieht unmittelbar, welche Formulierungen in der Praxis tragen, und zugleich, wie unterschiedlich vier Teams mit denselben Werkzeugen zu vier verschiedenen Ergebnissen kommen.

Ausklang

Der Abend endete in einer Bar bei Essen, Getränken und Gesprächen, die den fachlichen Austausch des Tages in deutlich entspannterer Runde fortsetzten.

Wir bedanken uns bei Bird & Bird für einen Workshop, der Technik, Recht und Praxis auf seltene Weise zusammengebracht hat und bei allen Teilnehmenden für ihr Engagement. Wer beim nächsten Mal dabei sein möchte: Vorkenntnisse im Umgang mit KI sind keine Voraussetzung, Neugier genügt.

Last Updated on 31. August 2026